Wild und Hund
zu Besuch bei ridinger niemeyer:

Paul Dahms

Jäger der gesuchten Stiche

Jäger der gesuchten Stiche Seine Bilder kennt fast jeder, seinen Namen nicht: Johann Elias Ridinger. Er war der Meister des Jagdstiches und begeht in diesem Jahr den 310. Geburtstag. Die Antiquare Lüder und Jan Niemeyer haben sich auf das Lebenswerk des barocken Kupferstechers spezialisiert.

Weit dehnen sich Wiesen über das norddeutsche Küstenland. Rehe äsen vertraut nahe einem Gehöft, am bewölkten Himmel ziehen Gänse. So pittoresk wirkt die Umgebung von Padingbüttel, wie auf den alten Stichen, die zahlreich an Zimmerwänden im ehemaligen Pfarrhaus des kleinen Ortes hängen. Dort betreibt Lüder H. Niemeyer mit seinem Sohn Jan Hendrik ein Antiquariat der besonderen Art. Der Familienbetrieb ist auf „Ridingeriana“ spezialisiert – Arbeiten des 1698 in Ulm geborenen Künstlers Johann Elias Ridinger.

Mit dem können viele Jäger kaum noch etwas anfangen, obwohl ihnen seine Werke oft begegnen. Sei es, ganz profan, als Verzierung von Bierkrügen, oder, anspruchsvoller, als Illustration von Jagdgeschichte in Ausstellungen und Büchern. Denn der Maler und Kupferstecher hat wie kein zweiter die höfische Jagd des 18. Jahrhunderts detailversessen dokumentiert und damit der Nachwelt als Kunstgenuss und Informationsquelle überliefert.

Trotzdem fing auch Lüder H. Niemeyer nicht sofort Feuer. Die erste Ridinger-Zeichnung, die der Antiquar 1960 in seinem Katalog anbot, war nur ein Objekt unter vielen. „Ich hatte sie auf Lager, ohne groß ein Auge darauf zu werfen“, erinnert er sich. Doch über den Verkauf der „Dogge“ kam Niemeyer in Kontakt mit einem Käufer, der gerade begann, eine Ridinger-Sammlung aufzubauen. „Er war leidenschaftlich – als Sammler und als Jäger, und wurde eine feste Säule im Geschäft“. Weitere Ridinger-Stiche wurden gesucht, gefunden, ersteigert oder angekauft. Dabei wuchs nicht nur der Kundenstamm des Antiquariats, sondern auch das persönliche Interesse des Händlers am Künstler. „Ich wollte mehr über ihn und sein Schaffen erfahren und wurde selbst zum Jäger – nach Informationen.“ Auf seinen Beutezügen machte Niemeyer manch seltenen Fang, wie die einzigen bisher nachweisbaren Exemplare einer sehr frühen Jagdfolge, entstanden um 1720.

Johann Elias RidingerJohann Elias Ridinger war zunächst Maler, eignete sich später die Technik des Stechens und Radierens autodidaktisch an und begann 1728 in Augsburg mit der graphischen Produktion im eigenen Verlag. „Er hat aber keine Bücher gemacht, sondern lose Blattfolgen, die in unregelmäßigen Abständen herauskamen und gesammelt wurden“, erklärt Lüder H. Niemeyer. 1729 druckte Ridinger die „Vollkommene und gründliche Vorstellungen der vortrefflichen Fürsten-Lust oder der Edlen Jagtbarkeit“. Jene 36 Stiche zeigen verschiedene Wildarten „nach dem Leben gezeichnet“ sowie Jagdarten, Waffen und Ausrüstung nebst „üblichen Waydmännischen Terminis“. Es folgten weitere Blätter, so zur Parforcejagd auf den Rothirsch, und 1737–1740 die Abbildung der „jagdbaren Tiere“ samt ihrer Fährten. „Die Stiche wurden mit Begleittexten versehen und waren als illustrierte Jagdpraxis gedacht, denn für Ridinger stand die Belehrung im Vordergrund“, führt Jan Niemeyer aus, den der Vater mit seiner Ridinger-Begeisterung zwangsläufig ansteckte.

Johann Elias Ridinger, Das Rehe blatten!
Johann Elias Ridinger, Das Rehe blatten!
„Das Rehe blatten“. Zeichnung um 1758, vermutlich für eine neue Lockjagd-Serie

1750 veröffentlichte Ridinger „Wie alles Hoch- u. Niedere Wild, samt dem Feder Wildpraeth auf verschidene weise mit Vernunfft List u. Gewalt lebendig oder tod gefangen wird“, eine Zusammenstellung der Fang- und Fallenjagd, von den Eisen bis hin zu innovativen Selbstschussanlagen. „Ridinger hat versucht, alle Arten der Jagd abzuhandeln“, erläutert Niemeyer Senior. „Wir sind aber im Besitz von zwei unbekannten Lockjagd-Zeichnungen, die nie gestochen wurden. Das bedeutet, Ridinger hatte eine weitere Jagdserie geplant“, schließt der Antiquar und kommt auf noch mehr Raritäten zu sprechen:

„Einmal haben wir eine Jagdreihe ohne Enthusiasmus erstanden, die auch nicht in gutem Zustand war. Doch sie entpuppte sich als Ridingers Handexemplar mit Korrekturen und Zeichnungen, die nie als Stich aufgetaucht sind – der Kauf unseres Lebens!“

Johann Elias Ridinger, Der gehetzte wehrlose RehbockJohann Elias Ridinger, Der durch Gewalt zerzauste Fuxbalg
Rarität: Von diesen Schabkunstblättern mit Jagdszenen sind in der Literatur bisher nur drei Serien verzeichnet

Zu den wichtigsten Hinterlassenschaften des Künstlers zählt ohne Zweifel sein Monumentalwerk der Wundersamsten Hirsche und anderer Thiere. Ab 1735 begonnen, hält es in 100 Blättern meist Hirsche mit abnormen und besonders kapitalen Geweihen fest, die Zeitgenossen des Kupferstechers im ganzen Land erlegt haben. Teile entstanden wahrscheinlich im Auftrag adliger Jagdherren – darunter Landgraf Ludwig VIII. von Hessen-Darmstadt – deren Jagderfolge verewigt werden sollten. Aber auch ältere Hirsche, wie der berühmte 66-Ender, gehören zur Kollektion. „Es ist nicht klar, ob Ridinger für diese Serie wirklich viel herumgereist ist. Er hat wohl eher nach Gemälden und Zeichnungen gearbeitet, die man ihm schickte. Sein Ergebnis übertrifft die Vorlagen aber bei weitem“, begeistert sich Lüder H. Niemeyer. „Die Bilder sind voll Leichtigkeit, und die Jagdszenen wirken überhaupt nicht grausam“, sagt der Nicht-Jäger, der durch die Beschäftigung mit Ridinger ein guter Kenner des Waidwerks geworden ist. Ganz fremd war es ihm nie. „Mein Großvater ging regelmäßig zur Jagd, und zu Hause gab es ganze Jahrgänge von WILD UND HUND, darin habe ich als Junge gern gelesen.“ Auch Ridinger war kein gelernter Jäger. „Aber er hat gejagt, da gibt es keinen Zweifel“, bekräftigt der Ridinger-Forscher. „Es existiert ein Selbstportrait, das ihn als Jäger zeigt, ein anderer Druck belegt seine Teilnahme an einer Bärenhatz.“

Perfektionismus: Probeabdruck mit Rötelkorrektur des Künstlers (re.), darunter die veröffentlichte Fassung der Sauhatz Johann Elias Ridinger, Saujagd / Probedruck mit Rötelmarkierung Johann Elias Ridinger, Saujagd / endgültiger Zustand

Der begnadete Kupferstecher verstarb 1767 als Direktor der Augsburger Kunstakademie. Zurück blieb ein Gesamtwerk von rund 1600 Stichen, Radierungen und Schabkunstblättern. Seine Söhne, Martin Elias und Johann Jakob, führten den Verlag fort, gaben vom Vater geschaffene Werke posthum heraus bzw. stachen nach seinen Zeichnungen neue Blätter zu Tier-, Jagd- und Pferde-Sujets. Noch 1824 legte die Engelbrecht’sche Verlagskunsthandlung Augsburg etliche Ridinger-Stiche neu auf. „Die historischen Originale haben allerdings mehr Seele“, sind sich Niemeyers einig. Wie viele Ridinger-Drucke überhaupt existieren? „Das bleibt die Gretchenfrage. Eine Druckplatte taugt für 300, vielleicht 500 Abzüge“. Zahlreiche der handgestochenen Kupferplatten befanden sich bis zur Wende über 150 Jahre im Besitz einer Verlegerfamilie. Nun bietet die „Ridinger-Handlung“ aus diesem Fundus schönster Unikate das Passende in der exklusiven „Roten Serie“ an – zusammen mit dem jeweiligen Druck.

„Ein Händler muss verkaufen, nicht sammeln“, lautet das Credo von Lüder H. Niemeyer. Darum ist alles, was im Haus fast ehrfurchteinflößend die Räume füllt, im Angebot. „Wir sammeln Erkenntnisse“, ergänzt Jan Niemeyer. Diese werden in einer eigenen Schriftenreihe und auf der Internetseite des Geschäftes publiziert. „Es ist unser Bestreben, Ridinger in die Kunsthistorie einzufügen, die ihn zu Unrecht als Tier- und Jagdmaler abtut und vernachlässigt.“ Und weil die beiden Antiquare bei ihren Recherchen immer wieder Neues über den barocken Meister zu Tage fördern, kommen Anfragen von Museen und Kunstzeitschriften, werden sie als Experten in Katalogen zitiert und zu Vorträgen eingeladen.

Johann Elias Ridinger, Lappen-Exemplar
Die Rote Serie – exklusiver Rahmen für „Ridingeriana“: Der Druckplatte „umstelltes Jagen“ von 1729 liegen vier historische Jagdlappen aus dem 18. Jahrhundert bei

„Unser Wunsch wäre, mit den aufgelaufenen Informationen ein aktualisiertes Werkverzeichnis zu editieren. Aber das würde, abgesehen vom Zeitaufwand, wohl nur wenig Abnehmer finden“, bedauert der Junior. „Das Interesse an Ridinger ist heute leider etwas abgeflaut. Früher haben lokal- und erdverbundene Unternehmer, die in der Regel auch Jäger waren, gesammelt. Sie sterben aus.“

Wie tief müssten neue Interessenten in die Tasche greifen, wenn sie einen Original-Ridinger erwerben wollen? Lüder H. Niemeyer antwortet diplomatisch – mit einem Zitat des amerikanischen Bankiers und „Sammlerfürsten“ John Pierpont Morgan: „Wenn man nach dem Preis fragen muss, kann man es sich nicht leisten.“

(Wild und Hund 23/2008, SS. 70-75)
Mit freundlicher Genehmigung von Wild und Hund.
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