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Aha,niemeyer’s optimiert sein historisches quartalHier dennvor 2330 JahrenMilitärhistorisch„ die einzigste Niederlage Alexander’s “Zivilisatorischsein größter SieginRidinger’s 1723er Alexander-Zeichnungals der vielleicht spektakulärsten Zeichnung des JahrhundertsVorwegnehmend die Wandlung des Historienbildeszwei Generationen vor J. L. DavidJohann Elias Ridinger (Ulm 1698 – Augsburg 1767). Alexander der Große im Herbst 326 v. Chr. am Hyphasis in Pandschab, Indien. Der Zenit eines Weltreiches – Eine Wendemarke der Geschichte. Opferszene inmitten des Heerlagers am Ufer des Hyphasis (Vjâsa; Nebenfluß des Indus). Weißgehöhte Bister-Feder- und Pinselzeichnung mit schwarzer Einfassung. Bezeichnet in Bister auf der oberen Altarstufe unten rechts: Ioha: Elias: Ridinger: inv: et del Ao. 1723 Aug: vin. 489 x 524 mm. Illustration WELTKUNST LXIV, 20, S. 2687 MILITARY HISTORY XXI, 2, S. 30 Literatur L. H. Niemeyer, Ridinger der Unbekannte. Aspekte zum Werk des Malers, Zeichners und Graphikers, in: WELTKUNST 1994/20, SS. 2687 ff.; Derselbe, Dresdner Rede – Der verharmloste Ridinger, 1998. Überarb. u. erweit. Internet-Fassung; Derselbe, Die Vanitas-Symbolik bei Joh. El. Ridinger, in: U. Wunderlich (Hrsg.), L’Art Macabre 2, 2001, SS. 94 ff. Erweit. Internet-Fassung; Peter G. Tsouras, ALEXANDER THE GREAT. Lone Stand in India / Alexander’s Most Heroic Moment, in: MILITARY HISTORY, 2004/2, SS. 26 ff. Nagler XIII, SS. 160 + 162 („Er malte da anfangs für den Kunsthändler Dan. Herz verschiedene historische Darstellungen“, davon die bekannten beiden gestochenen zu Alexander qualifiziert als „reiche Compositionen“); Thieme-Becker XXVIII, 308-311: VII. Verschiedenes: Schlachten Alexanders d. Gr. (Thienemann Nr 917 f.). Dem Alexander-Zyklus zugehörige im graphischen Œuvre nicht nachweisbare autonome Arbeit
von geradezu erregender Dichte als indes politisch nicht korrekt von Herz offenbar nicht veröffentlicht. Überliefert wird jener Augenblick, da Alexander angesichts des meuternden Heeres, ungünstiger Rauchopfer und der Fruchtlosigkeit seines Achilles’schen Zürnens erkennt, daß er umkehren muß. Und zeigt einen König, der diese Stunde annimmt und damit die Herrscher-Vision von einer mit dem Weltmeer am Ganges gedanklich schon greifbar vor ihm liegenden Vollendung des Weltreiches dem „kleinlichen“ Verlangen seiner Soldaten, nach 8jährigem Kämpfen, 18000 km Marschierens bei zuletzt zweimonatigem Dauerregen endlich zu Weib und Kind heimkehren zu wollen, unterordnet und damit den Zenith seiner eigenen Geschichte akzeptiert. Unter militärhistorischem Aspekt wird 2330 Jahre später Peter G. Tsouras in MILITARY HISTORY’S (XXI, 2) Titelgeschichte „ALEXANDER THE GREAT. Lone Stand in India / Alexander’s Most Heroic Moment“ dieses Geschehen „ die einzige je erlittene Niederlage Alexander’s “ nennen. Und die größtmögliche dazu. Er- und durchlitten im Anschluß an seinen größten Sieg wenige Monate zuvor, am Hydaspes (Dschilam) gegen Poros. Demonstriert an abgebildeter anstehender Zeichnung : „ An illustration by Johann Elias Ridinger shows Alexander after the Hydaspes facing his greatest defeat being compelled to turn back at the behest of his own weary officers and troops .“ Indem Ridinger nach zwei frühzeitbedingt nur per Stich Dritter überlieferter vorangegangener, herkömmlich verherrlichender Alexander-Blätter (Belagerung von Halicarnassos + Überquerung des Tigris) nunmehr die psychologische Größe dieses Augenblicks einer vor allem auch geistigen Kapitulation als den unerhört zivilisatorischen Moment schlechthin und als sein ganz persönliches (vorläufiges) künstlerisches Facit dieses einzigartigen Lebens versteht, greift er geistig seiner eigenen Zeit, der Barock-Zeit, weit voraus. Womit er gleichzeitig das bisherige Historienbild von der Darstellung heldenhafter Taten zur Reflexion über dieselben zwei Generationen vorwegnehmend fortentwickelt! Ein kunsthistorisches Verdienst, für das in der Literatur noch die Zeit um 1800 mit dem gefeierten Bilde der unbelegten Saga vom byzantinischen Feldherrn Belisar von Jacques Louis David, dem alsbaldigen Hofmaler der Republik, von 1780/81 als Schlüsselerlebnis und Ausgangspunkt dieser neuen Bildkonzeption steht! Wie hier von Ridinger der knisternde Moment des wehenden Mantels der Geschichte verbildlicht wird, ist nicht nur eine für sich allein stehende psychologisch bravouröse Meisterleistung des erst 25jährigen – gleichen Alters vollendet etwa Thomas Mann die „Seinen Weltruhm begründenden ‚Buddenbrooks‘“ (Lennartz, 1952), die Heinz Berggruen noch hundert Jahre später nach der Herkunft der Lebensweisheit und Reife hierfür fragen läßt, veröffentlicht Gottfried Benn mit „Unter der Großhirnrinde“ seinen ersten Prosatext, den er später „gewissermaßen als Steinbruch benutzt“ (FAZ 24. 8. 01 + 22. 8. 03) –, sondern zeigt diesen geradezu als einen Meister der Moderne . Dessen hier nur vielleicht noch – Wolf Stubbe nennt ihn schließlich einen „Systematiker, (einen) Mann des Vorsatzes“, der ans „ reflektierende Bewußtsein“ appelliert – eher unbewußten inneren Abkehr vom Heldenpathos schon in den 30ern – veröffentlicht erst 1760! – in Gemeinschaft mit B. H. Brockes (1680 Hamburg 1747) in seinen „Kämpfe reißender Thiere“ mittels Gleichsetzung eines einen Esel zerreißenden wütenden Raubtiers mit Alexander ein Verdikt dessen Eroberungszuges von gnadenloser Härte folgt :
Wobei Ridinger die 8blätterige Kämpfe-Folge darüberhinaus noch als Verpackung gleichzeitiger Abrechnung mit der eigenen absoluten Obrigkeit – die zugleich seine Klientele ist! – dient und als ein Fanal der Freiheit und Menschlichkeit dem System als solchem gilt . Ridinger – so Brockes an gleicher Stelle – „zwingt selbst unsern freyen Geist , er kann die Seele selbst bewegen Und nach Gefallen … (das) Menschl: Gemüth erregen“. Rein künstlerisch indes spiegelt seine Alexander-Zeichnung bereits die ganze Fülle und Könnerschaft des Meisters wider. Es ist eine bildhaft und thematisch reich gestaltete großformatige frühe Arbeit mit auch Pferden + Hunden als den Markenzeichen, Einblick gewährend zugleich in die subtile Arbeitsweise des Künstlers : Der vorn vor dem Altar halb kniende König mit Diadem Thematisch liegt die Entschlüsselung der Szenerie auf der Hand : Der Literatur sind nur drei Schlachtenstücke bekannt, von denen das eine Pharaos Untergang im Roten Meer gewidmet ist (Thienemann 916), die obigen anderen beiden Alexander. Dessen Opferungen, namentlich als Rauchopfer, wie hier, als exemplarisch belegt sind. Lassen die hiesigen Säulen-Ruinen mit Wildwuchs statt einstiger Kapitäle ganz links im Bild an seine Opferung zu Troja denken, so dürfen sie indes gegenüber dem eigentlichen Szenarium nicht überbewertet werden. Dergleichen wurde schon früher gern als Beiwerk antiker Themen und, mehr noch, Vanitas-Symbolik benutzt und fehlt beispielsweise auch nicht als Hintergrund-Staffage Dürers Großem Pferd (Abb. Klassiker der Kunst IV, 117; Hollstein 94), als nach Mendes neuesten Forschungen einer Darstellung Alexanders und seines Pferdes Bukephalos. Letzteres er von Jugend auf geritten hatte, bis es im Mai gleichen Jahres in der Schlacht gegen Poros am Hydaspes den Tod und sich im Namen der indischen Stadt Bukephala verewigt fand (s. Nissen, Pferde-Reiter-Fahrer-Züchter, 59). Ein Ereignis, das Alexander als einen Fingerzeig der Götter wertete und bei seiner Entscheidung im Herbst entsprechend mitgewichtete. Gegen die Opferung beim Heiligtum des Ammon in der Libyschen Wüste sprechen der Fluß, aber auch der dominierende, typisch Ridinger’sche Baumschlag zur Rechten. Gestützt nicht zuletzt von seiner starken Vanitas-Symbolik entspricht das Bild als Ganzes in jeder Hinsicht dem 326er Herbst-Geschehen am Hyphasis in Pandschab als der Wendemarke im Leben Alexanders. Hier beendeten – wie alles Gegenstand der Zeichnung – die Verweigerung des Heeres zum Weitermarsch an den Ganges und ungünstige Opferzeichen den indischen Feldzug. Wozu Alexander das Seine beigetragen haben dürfte, indem er Jahrs zuvor den Fußfall auch für den eigenen Stamm befohlen und durch Todesurteile durchgesetzt hatte, mittels letzterer vor allem aber auch erst hatte durchsetzen müssen! Ein gar nicht zu überschätzendes Indiz fortgeschrittenen Abhebens des Königs, womit dieser einen gewichtigen Keim zur Meuterei legte und somit das Scheitern seiner Herrschervision kurz vor dem Ziel mitverursachte. So der hier hinter dem König in Fußfall Versunkene ein Makedonier, ist dies denn ein letztes weiteres Zeichen für die Spätzeit und solchermaßen nahtlos eingebettet in Ridinger’s Reflexions-Konzept. Der geradezu hörbar geräuschvollen Optik herkömmlicher Bilder, sprich Schlachten, als Summe dessen wofür der Name Alexander steht, setzt Ridinger hier nunmehr mit dem ganzen künstlerischen Gespür für den psychologisch großen Augenblick, die Sternstunde, und dem Vermögen zu dessen Gestaltung seinen Kammerton der Reflexion entgegen und begründete damit das Historienbild der Neuzeit . Diese Zeichnung wird sich als Maßstab erweisen, gilt es, Ridinger kunsthistorisch neu, richtiger, überhaupt erst zu positionieren. Entsprechend Alojzy Oborny, Direktor des Polnischen Nationalmuseums in Kielce, 1997 im Katalog zur 1½jährigen Ridinger-Wanderausstellung „ Dieser Künstler wurde in der Vergangenheit einigermaßen verkannt , aber sein Rang in der Kunstgeschichte wird mit der Zeit immer höher . “ Wie schon 1987 Rolf Biedermann rügend konstatierte :
(Ausstellungskatalog „Meisterzeichnungen des Deutschen Barock“, S. 338). Die Qualität dieser frühen Zeichnung für den von Herz in Auftrag gegebenen Alexander-Zyklus indirekt auch durch Biedermanns Hinweis auf Herz als eines „Kunstverleger(s) mit Blick für Qualität“ belegt. Für sich selbst sprechend indes als ein von großartigem Hell-Dunkel bestimmtes herrliches Beispiel früher Reife und Vollendung , wie schon verschiedentlich an Hand anderer Frühwerke konstatiert ( „daher ist diese Zeichnung für die Kenntnis seines bereits perfekten Stils in jungen Jahren von Bedeutung“ , Nebehay 88,2 zur 1721er Zeichnung zu Thienemann 1 / Welisch, Geschichte der Augsburger Maler im 18. Jhdt., 1901, S. 92 in Zitat Thienemann’s für das Können bei der nicht vor 1719 anzusetzenden Rückkehr von dem dreijährigen Aufenthalt bei Baron/Graf Metternich in Regensburg: „dass alle Kenner … seine erlangte Geschicklichkeit und Stärke sowohl in Historien- als Tierstücken bewunderten“ ) und immer nur großer Kunst eigen. Die Bedeutung dieser Arbeit dominiert zunächst von der künstlerischen Bewältigung des Themas Auf den Gegensatz thematischer Einzigartigkeit hier und typischem Schaffen dort trifft somit im übertragenen Sinne zu, was Thieme-Becker XVII, 392/2 in Hinsicht auf die religiösen Arbeiten bei Hogarth konstatieren: „nicht nur beachtenswerte Leistungen auf einem der ganzen Richtung seiner Begabung fernliegenden Gebiet, sondern auch Zeugnisse der Vielseitigkeit und Beweglichkeit seines Geistes“. Nicht eine einzige thematisch auch nur annähernd ähnliche Zeichnung befand sich im 1830 von Weigel übernommenen, ca. 1849blätt. Zeichnungsnachlaß (siehe „Joh. El. R.’s Kunstnachlaß in Handzeichnungen“ innerhalb des Weigel’schen Zeichnungs-Nachlaßkataloges von 1869) oder ist seitdem hier unter Einbezug des in 146 Lots vereinigten 234blätterigen Bestandes der am 19. 5. ff. 1890 bei Wawra in Wien versteigerten „Schönen Sammlung von Handzeichnungen und Kupferstichen Joh. El. Ridinger’s aus dem Besitz eines bekannten Sammlers“ und des 95blätt. Corpus der 1958 aufgelösten Gräflich Faber-Castell’schen Ridinger-Sammlung marktbekannt geworden. Wie denn kunstgeschichtlich generell die Schilderung dieses weltgeschichtlichen Augenblicks vor 2330 Jahren eine Rarität allerersten Ranges sein dürfte , einzigartig und nicht austauschbar, bedingend eine kunsthistorische Umgewichtung. Kurz, eine Meisterzeichnung des Deutschen Barock. Und unter diesen zweifellos eine der erregendsten. Erst jüngst erinnerte Ruth Baljöhr an Hans Möhle’s schon 1947er Hinweis, wonach „die besondere Leistung des deutschen Barock auf dem Gebiet der Handzeichnung“ läge. Ergänzt von Christoph Vitali (FAZ-Magazin 16. 1. 1998), der der „ Kunst des Barock noch genügend provokatorische Kraft “ bescheinigte. Der Erhaltenszustand gesamthaft nahezu noch perfekt. Die im oberen Viertel geglättete Querfalte bildseits nur teilweise bemerkbar. Letztlich nur wenig störend auch die verschiedenen bis zu 5 cm tiefen Einrisse im Oberrand, die sämtlichs beigelegt sind. Hier und da ganz feine Quetschfältchen. Rückseits nur noch unwesentliche Reste früherer Montage. – „IV“-Wz., wie auch im späteren graphischen Werk nachweisbar und von Biedermann als „Monogramm I V“ für die 1762er Zeichnung „Wildkatzen jagen Enten“ belegt (a. a. O., Nr. 165). – Siehe auch die ausführliche Beschreibung.
(Sign. L. B., October 18, 2007) |