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Als Indien den Westen stoppteDie Vorwegnahme der Wandlung des Historienbildeszwei Generationen vor J. L. DavidRidinger’s 1723er Alexander-Zeichnungals die vielleicht spektakulärste Zeichnung des JahrhundertsRidinger, Johann Elias (Ulm 1698 – Augsburg 1767). Alexander der Große im Herbst 326 v. Chr. am Hyphasis in Pandschab, Indien. Der Zenit eines Weltreiches – Eine Wendemarke der Geschichte. Opferszene inmitten des Heerlagers am Ufer des Hyphasis (heute Beas/Bis River, auch Vjâsa; bei den alten Indern Arjilzi oder Vip[as]; Nebenfluß des Indus). Weißgehöhte Bister-Feder- und Pinselzeichnung mit schwarzer Einfassung. Bezeichnet in Bister auf der oberen Altarstufe unten rechts: Ioha: Elias: Ridinger: inv: et del Ao. 1723 Aug: vin. 489 x 524 mm. Illustration WELTKUNST LXIV, 20, S. 2687 MILITARY HISTORY XXI, 2, S. 30 Literatur L. H. Niemeyer, Ridinger der Unbekannte. Aspekte zum Werk des Malers, Zeichners und Graphikers, in: WELTKUNST, 1994/20, SS. 2687 ff.; Derselbe, Dresdner Rede – Der verharmloste Ridinger, 1998. Überarb. u. erweit. Internet-Fassung; Derselbe, Die Vanitas-Symbolik bei Joh. El. Ridinger, in: U. Wunderlich (Hrsg.), L’Art Macabre 2, 2001, SS. 94 ff. Erweit. Internet-Fassung; Peter G. Tsouras, ALEXANDER THE GREAT. Lone Stand in India / Alexander’s Most Heroic Moment, in: MILITARY HISTORY 2004/2, SS. 26 ff. Nagler XIII, SS. 160 + 162 („Er malte da anfangs für den Kunsthändler Dan. Herz verschiedene historische Darstellungen“, davon die bekannten beiden gestochenen zu Alexander qualifiziert als „reiche Compositionen“); Thieme-Becker XXVIII, 308-311: VII. Verschiedenes: Schlachten Alexanders d. Gr. (Thienemann Nr. 917 f.). Dem Alexander-Zyklus zugehörige im graphischen Œuvre nicht nachweisbare autonome Arbeit
von geradezu erregender Dichte als indes politisch nicht korrekt von Herz offenbar nicht vröffentlicht. Überliefert wird jener Augenblick, da Alexander angesichts des meuternden Heeres, ungünstiger Rauchopfer und der Fruchtlosigkeit seines Achilles’schen Zürnens erkennt, daß er umkehren muß. Und zeigt einen König, der diese Stunde annimmt und damit die Herrscher-Vision von einer mit dem Weltmeer am Ganges gedanklich schon greifbar vor ihm liegenden Vollendung des Weltreiches dem „kleinlichen“ Verlangen seiner Soldaten, nach 8jährigem Kämpfen, 18000 km Marschierens bei zuletzt zweimonatigem Dauerregen endlich zu Weib und Kind heimkehren zu wollen, unterordnet und damit den Zenith seiner eigenen Geschichte akzeptiert. Unter militärhistorischem Aspekt wird 2330 Jahre später Peter G. Tsouras in MILITARY HISTORY’S (XXI, 2) Titelgeschichte „ALEXANDER THE GREAT. Lone Stand in India / Alexander’s Most Heroic Moment“ dieses Geschehen „ die einzige je erlittene Niederlage Alexander’s “ nennen. Und die größtmögliche dazu. Er- und durchlitten im Anschluß an seinen größten Sieg wenige Monate zuvor, am Hydaspes (Dschilam) gegen Poros. Demonstriert an abgebildeter anstehender Zeichnung : „ An illustration by Johann Elias Ridinger shows Alexander after the Hydaspes , facing his greatest defeat : being compelled to turn back at the behest of his own weary officers and troops .“ Indem Ridinger nach zwei frühzeitbedingt nur per Stich Dritter überlieferten vorangegangenen, herkömmlich verherrlichenden Alexander-Blättern (Belagerung von Halicarnassos + Überquerung des Tigris) nunmehr die psychologische Größe dieses Augenblicks einer vor allem auch geistigen Kapitulation als den unerhört zivilisatorischen Moment schlechthin und als sein ganz persönliches (vorläufiges) künstlerisches Facit dieses einzigartigen Lebens versteht, greift er geistig seiner eigenen Zeit, der Barock-Zeit, weit voraus. Womit er gleichzeitig das bisherige Historienbild von der Darstellung heldenhafter Taten zur Reflexion über dieselben zwei Generationen vorwegnehmend fortentwickelt! Ein kunsthistorisches Verdienst, für das in der Literatur noch die Zeit um 1800 mit dem gefeierten Bilde der unbelegten Saga vom byzantinischen Feldherrn Belisar von Jacques Louis David, dem alsbaldigen Hofmaler der Republik, von 1780/81 als Schlüsselerlebnis und Ausgangspunkt dieser neuen Bildkonzeption steht! Wie hier von Ridinger der knisternde Moment des wehenden Mantels der Geschichte verbildlicht wird, ist nicht nur eine für sich allein stehende psychologisch bravouröse Meisterleistung des erst 25jährigen – gleichen Alters vollendet etwa Thomas Mann die „Seinen Weltruhm begründenden ‚Buddenbrooks‘“ (Lennartz, 1952), die Heinz Berggruen noch hundert Jahre später nach der Herkunft der Lebensweisheit und Reife hierfür fragen läßt, veröffentlicht Gottfried Benn mit „Unter der Großhirnrinde“ seinen ersten Prosatext, den er später „gewissermaßen als Steinbruch benutzt“ (FAZ 24. 8. 01 + 22. 8. 03) – , sondern zeigt diesen geradezu als einen Meister der Moderne . Dessen hier nur vielleicht noch – Wolf Stubbe nennt ihn schließlich einen „Systematiker, (einen) Mann des Vorsatzes“, der ans „reflektierende Bewußtsein“ appelliert – eher unbewußten inneren Abkehr vom Heldenpathos schon in den 30ern – veröffentlicht erst 1760! – in Gemeinschaft mit B. H. Brockes (1680 Hamburg 1747) in seinen „Kämpfe reißender Thiere“ (Th. 716 ff.) mittels Gleichsetzung eines einen Esel zerreißenden wütenden Raubtiers mit Alexander ein Verdikt dessen Eroberungszuges von gnadenloser Härte folgt :
Wobei Ridinger die 8blätterige Kämpfe-Folge darüberhinaus noch als Verpackung gleichzeitiger Abrechnung mit der eigenen absoluten Obrigkeit – die zugleich seine Klientele ist! – dient und als ein Fanal der Freiheit und Menschlichkeit dem System als solchem gilt . Ridinger – so Brockes an gleicher Stelle – „zwingt selbst unsern freyen Geist , er kann die Seele selbst bewegen Und nach Gefallen … (das) Menschl: Gemüth erregen“. Rein künstlerisch indes spiegelt die Alexander-Zeichnung bereits die ganze Fülle und Könnerschaft des Meisters wider. Es ist eine bildhaft und thematisch reich gestaltete großformatige frühe Arbeit mit auch Pferden + Hunden als den Markenzeichen, Einblick gewährend zugleich in den kreativen Prozeß des Künstlers :
Der vorn vor dem Altar halb kniende König mit Diadem und – wie auch auf den Kupfern Th.917/18 – über einem bescheideneren Entwurf einer Kriegergestalt mit Helm . Thematisch liegt die Entschlüsselung der Szenerie auf der Hand : Der Literatur sind nur drei Schlachtenstücke bekannt, von denen das eine Pharaos Untergang im Roten Meer gewidmet ist (Th. 916; geschaffen nach hiesiger Kenntnis vielleicht viel später, veröffentlicht zumindest – und nun auch von Ridinger selbst – wahrscheinlich erst Mitte der 40er, gestochen vom Stiefsohn Seutter, geb. 1717), die obigen anderen beiden Alexander. Dessen Opferungen, namentlich als Rauchopfer, wie hier, als exemplarisch belegt sind. Lassen die hiesigen Säulen-Ruinen mit Wildwuchs statt einstiger Kapitäle ganz links im Bild an seine Opferung zu Troja denken, so dürfen sie indes gegenüber dem eigentlichen Szenarium nicht überbewertet werden. Dergleichen wurde schon früher gern als Beiwerk antiker Themen und, mehr noch, Vanitas-Symbolik benutzt und fehlt beispielsweise auch nicht als Hintergrund-Staffage Dürers Großem Pferd (Abb. Klassiker der Kunst IV, 117; Hollstein 94), als nach Mendes neuesten Forschungen einer Darstellung Alexanders und seines Pferdes Bukephalos. Letzteres er von Jugend auf geritten hatte, bis es im Mai gleichen Jahres in der Schlacht gegen Poros am Hydaspes den Tod und sich im Namen der indischen Stadt Bukephala verewigt fand (s. Nissen, Pferde-Reiter-Fahrer-Züchter, 59). Ein Ereignis, das Alexander als einen Fingerzeig der Götter wertete und bei seiner Entscheidung im Herbst entsprechend mitgewichtete. Gegen die Opferung beim Heiligtum des Ammon in der Libyschen Wüste sprechen der Fluß, aber auch der dominierende, typisch Ridinger’sche Baumschlag zur Rechten. Gestützt nicht zuletzt von seiner starken Vanitas-Symbolik, siehe unten, entspricht das Bild als Ganzes in jeder Hinsicht dem 326er Herbst-Geschehen am Hyphasis in Pandschab als der Wendemarke im Leben Alexanders. Hier beendeten – wie beides Gegenstand der Zeichnung – die Verweigerung des Heeres zum Weitermarsch an den Ganges und ungünstige Opferzeichen den indischen Feldzug.
(Voelske-Tenbrock, Zeiten und Menschen, B/I, 84). Der Rückzug – den Indus abwärts bis zum Ozean – begann, der Tod folgte 323. Beendend ein achilleisches Leben – „große(r) Ruhm bei frühem Tod oder langes, aber ruhmloses Leben“ – sondergleichen.
(Meyers Konvers.-Lex., 4. Aufl., I (1889), 316/II).
(Hermann Kochs, Geprägtes Gold, 1967, S. 47). Dies die Weite des historischen Umfeldes einer jugendlichen Grandeur, deren Zenit Ridinger als nahezu im gleichen Alter stehend gleichermaßen faszinierte wie mittels hiesiger erregenden Zeichnung den Nerv fühlen ließ. Deren in Mondlicht eingebettete tiefgestaffelte Szenerie von bildhaft großartiger Gestaltung :
Im rechten Bilddrittel der von drei lorbeerbekränzten Priestern und anderen umstandene Opferstein, dessen schmale Holzscheite ein rauchstarkes Feuer unterhalten. Zwei der Priester, deren einer gleichzeitig dem Feuer aus länglichem Behälter wohl eine Essenz zuführt, prüfenden Blickes nach oben schauend, indes der in der Rechten einen Lorbeerstrauß haltende vordere sich gestenreich dem vor den Sockelstufen und einem Weihrauchbehältnis knieenden König zuwendet. Letzterer, geziert mit einfacher Krone, hat die Linke vor sich geschlagen, indes die Rechte eine kleine Schale hält. Sofern der hinter ihm in Fußfall Versunkene ein Makedonier, auch dies ein Zeichen für die Spätzeit Alexanders, während der er solches 327 auch für den eigenen Stamm befahl und mittels Todesurteile durchsetzte, vor allem aber auch erst durchsetzen mußte! Ein gar nicht zu überschätzendes Indiz fortgeschrittenen Abhebens des Königs, womit dieser
einen gewichtigen Keim zur Meuterei legte und somit das Scheitern seiner Herrschervision kurz vor dem Ziel mitverursachte. Hiesiger Fußfall fügt sich solchermaßen nahtlos Ridinger’s Reflexions-Konzept ein. Ganz vorn rechts vor den Stufen und gleichsam die dortige Signatur bewachend zwei typische Ridinger-Hunde, wie sie, herausgegriffen, auf Thienemann 298 figurieren (siehe Ortega y Gasset, Meditationen über die Jagd, 1981, S. 65). Oberhalb der Hunde Prunkgefäß mit zwei Schlangen als
(Meyers, a. a. O., XII, 405, 1 bzw. XIV, 502, 1). Der von zwei Fackelträgern flankierten Opferszene gleichfalls zugewandt das breitseits postierte prächtige Ridinger-Pferd – in Schwere und Positur vergleichbar u. a. dem des Windhetzers der der späteren Zeit zugehörenden Falkoniers-Suite, Thienemann 124, Abb. Ortega S. 2, ansonsten im Stil jener gleichfalls voll signierten Bister-Federzeichnung eines Überfalls auf eine Munitionskolonne von 1720, die in den 80er Jahren im schweizerischen Handel figurierte – , geritten von einem der Anführer mit Schlangenhelm. Diese ganze Vordergrundszenerie stufenmäßig abgesetzt zum eigentlichen Heerlager beidseits eines denkbaren, die Mitte durchlaufenden Flusses. Unter den Zelten vorn auch das des Königs. Ob die baldachinartige zeltdachförmige seltsame Wolkenformation über letzterem zufällig ist oder aber die bislang schützende Hand der Götter andeuten soll, mag dahingestellt bleiben. Eine Absicht harmonierte immerhin durchaus mit der noch zu erörternden reichen Symbolträchtigkeit des Bildes.
Als eindeutiger indes vorab auf seine Aussage hin untersucht das Geschehen im Rücken und seitlich des Königs. Dominierend hier der in der linken Bildmitte auf besagtem Roß angesiedelte Anführer, dem innerhalb der Meuterei ganz offensichtlich die Schlüsselstellung zukommt. Er steht an der Spitze einer auf das schmale Plateau des Vordergrunds drängenden Schar Berittener, die er keineswegs zurückzudrängen trachtet, wie dies der Offizier neben ihm, ganz abwehrbereite Stellung, mit Schild und Lanze, gegenüber dem Antwort heischenden Fußvolke erfolgreich vorexerziert. Seine Haltung vielmehr ganz auf das Geschehen am Opferstein konzentriert, die Lanze einsatzbereit in diese Richtung weisend, bereit, seine Zeit notfalls kommen zu lassen. In verschwörerischer Haltung aber auch die beiden zwischen den Säulen hervortretenden Krieger und unübersehbar die Streitaxt in der Rechten des ganz vorn links in gebückter Stellung verharrenden, aber auch der besonders finstere Blick des hingelagerten Kriegers bei ihm. Innerhalb dieses Kontextes dürften dann die skizzenhaften Gruppen bei den Zelten die Stimmung im Heer erörtern. In Front zum Plateau schließlich die noch weiter zurückgesetzte Reiterstaffel. Das Gesicht des berittenen Anführers übrigens vergleichbar dem des Offiziers von Thienemann 837 aus dem 1728 herausgegebenen 1. Teil der Folge einiger aus dem Alterthum zur Historie dienlichen Figuren. Der die Fußtruppe abwehrende Offizier wiederum von Ridinger nach 1756 in seiner Suite Römischer und Griechischer Krieger zu Thienemann 876 verwandt worden. Gezeigt in derselben rückseitigen Position, wenngleich weniger muskulös und mehr beobachtend als handelnd. Doch auch der Krieger hinter dem Anführer von Th. 837 in seiner weichlichen Erscheinung ähnlich einem der meuternden Infanteristen der Zeichnung. Dieser konkreten Geschehensvermittlung steht, nicht minder bedrohlich, die symbolische zur Seite. In deren bewußtem Einsatz zeigt sich Ridinger ganz eng benachbart den Niederländern des 17. Jahrhunderts als den Großmeistern der Vanitas-Symbolik. Hierin nur einen Widerschein von der in der Natur täglich gewonnenen Erkenntnis vom Werden und Vergehen, der Zugehörigkeit des Todes zum Leben, sehen zu wollen, führte am Kern der Sache vorbei und übersähe den das Œuvre bis hin zum unerhörten Schlußakkord des zeichnerischen Selbstbildnisses als 70jähriger mit Tod der Slg. Weigel, Thienemann SS. XXI f., Nr. 4, heute Kupferstichkabinett Berlin, durchziehenden roten Faden.
Solchermaßen hier denn also bereits weit über die noch vollrunde Scheibe des Mondes als Zeichen des Zenites hinausgreifend, wenngleich diese ihrerseits zwangsläufig auch schon ein Attribut der Vergänglichkeit ist. Denn Licht und Stärke werden von der Sonne beflügelt. Wie denn auch seitens Altdorfer’s in seiner Alexanderschlacht – siehe deren weitere Erwähnung im folgenden – so herrlich verdeutlicht :
(ADB I, 358). Nur lose herausgreifend sei in diesem Zusammenhang des weiteren verwiesen auf das von Watteau’scher Vorlage inspirierte, erst postum herausgegebene Selbstbildnis Thienemann XIX, 1 – Schwarz I, Taf. 1 – mit dem Meister hinter fertigem Bilde im Walde, in Ausdruck und rechter Handbewegung ein „Das war’s“, korrespondierend mit dem zur Linken von älterem Baum herabhängendem trockenen Ast. Oder auf den halbtoten Baum am Wege des Zwangsrekrutierten auf Th. 1148, Schwarz I, Taf. XXXVII. Dann auf den toten und halbtoten Baumkümmerling auf Schwarz 1310 – Bd. I, Taf. IL – aus der gemeinsam mit J. E. Nilson gearbeiteten allegorischen Suite, hier mit dem bezeichnenden Namen „Das Unrecht“. Und schließlich bewußt auch auf den über morsches Holz hinwegsetzenden angeschweißten Hirsch Th. 198, dessen Beispiel gern als überspitzt angesehen werden könnte, wäre da nicht aus dem Jahr der Alexander-Zeichnung die niederländischen Vorbildern verpflichtete frühe Wasserjagd Th. 10 mit den so unübersehbar drohend über dem Wasser hängenden Ästen des toten Baumes, hinter dem denn auch der Schütze im Anschlag steht, und zu denen der Hirsch sichtbar gewollt aufschaut. Gerade im Kontext zu dieser gleichzeitigen Radierung mit dem gleichsetzenden Doppel-Symbol Jäger + toter Baum, in deren beider verderblichen Dunstkreis der Hirsch hineinflüchtet, erfährt die bedrückende Bildsprache der Attribute der Alexander-Zeichnung ihre letztgültige Bestätigung, deren vielfache Werkbedeutung somit gar nicht überschätzt werden kann . Daß diese baumbezogenen Vanitas-Schlüsse in der Tat tief wurzeln, ergeben u. a. auch diesbezügliche Erörterungen Fredo Bachmann’s zum frühen van der Neer (Oud Holland LXXXIX, 1975, SS. 213 ff., hier SS. 220 f. nebst ihren Fußnoten + Abb. 4), mit denen er deren Bedeutung auf spätmanieristische flämische Quellen zurückführt und „diese Erscheinungen als Ausdruck des geistigen Klimas der Zeit, wie es sich z. B. aus der Emblematik erkennen läßt (Vgl. Handbuch der Sinnbildkunst des 16. und 17. Jahrhunderts, hrsg. von A. Henkel, Stuttgart 1967: S. 226 ‚Eiche gespalten‘ und S. 252 ‚Kiefer entwurzelt‘)“ deutet. „Im höchsten Maße gesteigert zeigen sich die Kennzeichen der Zerstörung auf jenen um 1614 entstandenen Landschaften des R. Savery, die uns als Stiche des Ägid Sadeler bekannt sind“ (Fußnote 27). So spricht denn auch allein schon ein Format von 520 x 460 cm (sic!) eine für eine Zeichnung an Deutlichkeit nicht zu überbietende Sprache, auf der Savery „nichts als den unteren zerschundenen (Stumpf) eines alten Eichbaumes und das Gewirr der Wurzeln (zeigt), wobei das Augenmerk auf die Verfallserscheinungen gerichtet ist“ (Fußnote 21 betr. Blatt 5 des Atlas Blaeu der Österreich. Nationalbibliothek). Anmerkenswert in diesem Zusammenhang Bachmann’s Beobachtung, wonach van der Neer … seine einzeln gestellte Charakterbäume … nach 1642 zunehmend dem Aspekt der Vergänglichkeit unterstellt:
Ein Mittelding zwischen Baumstumpf und totem Baum stellt der in halber Höhe abgesplitterte Baum dar (Windbruch), wobei die Splitter der Bruchstelle als graphisches Motiv … genutzt werden. “ Bachmann in diesen ausführlichen Zeugenstand gerufen zu haben, bot sich aus seiner Unverdächtigkeit gegenüber gesteigerter Sinnbildsucherei um ihrer selbst willen an, wie schon seine hier beigezogene 1975er Untersuchung belegt, um in seiner sieben Jahre später vorgelegten noblen Monographie über van der Neer sehr deutlich zu werden mit den Worten
(Fredo Bachmann, Aert van der Neer, Bremen 1982, Seite 83, Fußnote 97). Ridinger’s Baum-Symbolik somit ausdrücklich abgesegnet und nicht einmal kritisch hinterfragbar ist. Und letzteres solange nicht, wie verfolgtes Wild seinem tatsächlichen Schützen schließlich von vorn begegnet. Verborgen hinter toten Bäumen, siehe oben. Banaler ist die gesellschaftliche Einbettung der dank anstehender Zeichnung sich nunmehr als Zyklus erweisenden Alexander-Arbeiten : Zwangsläufig Marktbeteiligte, produzieren Künstler seit eh, was gefragt ist. Und diesbezüglich könnte sich die Alexander-Verehrung Kurfürst Maximilian II. Emanuel (1662-1726) in München für den daran durchaus starken Anteil nehmenden Künstler wie für dessen Verleger als starker Magnet erwiesen haben. Max Emanuels Begeisterung für den großen Makedonier war bestimmt von der Intensität der Jugend und gerichtet auf ihresgleichen. Und so hatte er sofort bei Regierungsübernahme 1680 „den Ausbau einer Zimmerfolge im Ostflügel des Grottenhoftraktes der Münchner Residenz“ zu sogenannten Alexander-Zimmern angeordnet. An der Ausführung der Deckenbilder war u. a. der Hofmaler Johann Andreas Wolff (1652-1716) beteiligt, so z. B. mit der Darstellung Alexanders beim Anlegen der Kleider des 331 besiegten Perserkönigs Darios für das der Gruppe zugehörige Ankleidezimmer Max Emanuels, wovon sich zwei Versionen einer Entwurfzeichnung in Augsburg und Stuttgart befinden. Zu Wolffs „bedeutendsten Schülern“ zählte von 1702-1708, und zwar auf Kosten Herzog Maximilian Philipps von Bayern, des Onkels Max Emanuels, interessanterweise Johann Georg Bergmüller (1688-1762), seit 1713 Meister in Augsburg und Urheber des von Thienemann XX, 2 besonders hervorgehobenen späteren Ridinger-Porträts. Auf diesem kurzgeschlossenen Wege könnten sowohl Ridinger als auch von dem kurfürstlichen Interesse an Alexander-Kunst Kenntnis erlangt und Absatzmöglichkeit erwartet haben. Umsomehr als Max Emanuel nach den Jahren des Interregnums 1715 wieder in seine kurfürstlichen Würden eingesetzt war und in München residierte. Sein für Ridinger früher Tod wäre dann umsomehr eine mögliche Erklärung für das offenbar nur zögernde Erscheinen der beiden Stiche und des Unveröffentlichbleibens der Zeichnung, als die Alexander-Zimmer 1729 beim Residenzbrand zunächst erheblich beschädigt und durch Cuvilliés dann durch die „Reichen Zimmer“ ersetzt wurden. Aufschlußreich aber auch der Vergleich des Gesichtsausdruckes des beide Male als stämmig dargestellten Alexanders bei Wolff und Ridinger. 24jährig nach gewonnener Schlacht jugendlich-zuversichtlich seinem Zenit noch entgegensehend bei ersterem, fünf Jahre später in der Erkenntnis des Gewesenen bei letzterem. Siehe zu Alexander-Zimmer, Wolff, Bergmüller und Herz Rolf Biedermann im 1987er Augsburger Ausstellungskatalog „Meisterzeichnungen des Deutschen Barock“, SS. 44, 184 f., 214 + 294. Dies denn der lokale, sehr wesentliche eine Bezugspunkt. Als Widerspiegelung dessen, was zeittypisch war und anderwärts sich entsprechend darbot. Etwa in der Gestalt Ludwigs XIV. (1661-1715), der von Charles Le Brun (1619 Paris 1690) für das königliche Kabinett den „gigantischen“ (AKL) 5teiligen Bilderzyklus „Batailles d’Alexandre“ schaffen ließ, der ihn „auf den Gipfel des Ruhmes“ erhob und den – mit Ausnahme des von Edelinck gestochenen Zeltes des Dareios – von Girard Audran stechen zu lassen er sich der Unterstützung Colbert’s versicherte:
(aus Peter Burke, Ludwig XIV. – Die Inszenierung des Sonnenkönigs, Bln., Wagenbach, 1993, in DAMALS 10/93). Oder 1709/10 seitens Franz Anton Graf Harrach’s als neuem Erzbischof von Salzburg in Weiterverfolgung der von seinem Vorgänger begonnenen Deckenausstattung der Prunkräume der Residenz, von dessen ursprünglich allegorischem Programm er alsbald „zugunsten profaner Historien aus der Geschichte Alexanders des Großen“ abging (Aurenhammer, Martino Altomonte, 1965, SS. 26 f.) und für einen solchen 10teiligen Zyklus Martino Altomonte (= M. Hohenberg, Chochenberg, Neapel 1657 – Wien 1745) mit 3700 Gulden honorierte (AKL II, 441). Für zwei Jahrhunderte zuvor herausgegriffen aber auch Papst Paul III. Farnese (1534-1549), der gegen Ende seines Pontifikats den Raffael-Schüler Perino del Vaga für die Sala Paolina mit einer Freskendekoration betraute, gebildet aus einer Kombination von Alexander- + Paulus-Zyklus, versinnbildlichend den weltlichen (Alessandro Farnese) + geistlichen Namen des Auftraggebers. Welcher Symbolik sich auch sein Urenkel erfreute. So ließ ein gedemütigtes Antwerpen 1585 zur Begrüßung ihres in spanischen Diensten stehenden Bezwingers Alessandro Farnese Vredeman de Vries den großen Ahnherrn in den Zeugenstand rufen:
(Heiner Borggrefe, Hans Vredeman de Vries, in dem von ihm und anderen herausgegebenen Braker/Antwerpener Ausstellungskatalog, Hans Vredeman de Vries und die Renaissance im Norden, Mchn. 2002, S. 21). Losgelöst hiervon ist für anstehende Zeichnung von letztlich größerer Bedeutung aber jener generelle Aspekt, der sich an der Gestalt des jugendlich-strahlenden Makedoniers entzündet und eine künstlerisch Jahrtausende alte Alexander-Tradition begründete, in die sich das Blatt seinerseits autonom einordnet und woraus ihm zusätzliche Potenz erwächst. Eingebettet zudem in ein Jahrhundert, das sich dem Thema auch fürderhin verbunden fühlte. Hierzu beispielhaft herausgegriffen als seitens Gode Krämer’s, Kustos für Barock-Malerei der Augsburger Sammlungen, thematisch erst jüngst frisch zugeordnet die dortige furiose Federzeichnung Franz Anton Maulbertsch’s (1724-1796) mit Alexander an der Leiche des Dareios, Inv. Nr. G.5244-79 (siehe deren Abbildung nebst überholter Interpretation SS. 316/17 obigen 87er Katalogs) Eckpfeiler dieser künstlerischen Tradition bilden Alexandersage + Alexanderschlacht. Die älteste erstere „ist die griechische unter dem angenommenen Autornamen des Kalisthenes … welche unter dem Einfluß der lebendigen Volkssage in Ägypten etwa um 200 n. Chr. entstand“.
(Meyer, a. a. O., I, 327/II). Es folgen die Dichtungen durch die Jahrhunderte. Bis hin zu Gisbert Haefs’ aktuellem „Alexander“-Roman als einem „Schlachtengemälde, Heldenepos und Schelmenstück, wundersame(n) Mysterienspiel, philosophische(n) Diskurs und (einer) Reisebeschreibung“ (Frankfurter Rundschau). Für die Musik mag als zeitgenössisch, doch zeitlich der Alexanderzeichnung nachgeordnet, Händel’s Oratorium „Das Alexanderfest“ (1736) als „eine Verherrlichung der Macht der Musik“ (Meyer) stehen. Von größerem Interesse hier indes die in Augsburg auch von Rugendas aufgegriffene (siehe Nagler, Probst, 21) Alexanderschlacht als dem Prototyp der darstellenden Kunst und Namengeber für jene zwei ganz spektakulären Höhepunkte, zwischen denen gleichwohl gute 1800 Jahre liegen. Dessen erster sich dem Thema vermutlich als geradezu noch brandfrisch näherte. Und dessen Botschaft von der überwältigenden Größe des Stoffes adäquat-imperial überliefert ist. Nämlich im
(Meyer, a. a. O., I, 327/II). Die neuere Forschung bestätigt das Treffen als eines zwischen den genannten beiden, verneint aber ausdrücklich, mit Sicherheit entscheiden zu können, ob es sich um das legendäre 333er handelt. Und verweist bezugnehmend auf Fuhrmann (1929) insbesondere auf einen anderen Urheber :
(Jahn, Lexikon der Kunst, 5. Aufl., 15/II). Folgt im Abstand nahezu zweier Jahrtausende 1529 Albrecht Altdorfer’s grandiose Alexanderschlacht für Herzog Wilhelm IV. von Bayern (Pinakothek München) :
(AKL I, 393/II). Dieser geradezu hörbar geräuschvollen Optik der gewaltigen Schlacht als Summe dessen, wofür der Name Alexander steht, setzte Ridinger mit dem ganzen künstlerischen Gespür für den psychologisch großen Augenblick, die Sternstunde, und dem Vermögen zu dessen Gestaltung seinen Kammerton der Reflexion entgegen und begründete damit das Historienbild der Neuzeit . Diese Zeichnung wird sich als Maßstab erweisen, gilt es, Ridinger kunsthistorisch neu, richtiger, überhaupt erst zu positionieren. Entsprechend Alojzy Oborny, Direktor des Polnischen Nationalmuseums in Kielce, 1997 im Katalog zur 1½jährigen Ridinger-Wanderausstellung als der „im polnischen Museumswesen größte(n) Ausstellung der Kupferstiche und Schabkunstblätter eines der Hervorragendsten deutschen Graphik-Künstler aus XVIII Jh.“ : „ Dieser Künstler wurde in der Vergangenheit einigermaßen verkannt , aber sein Rang in der Kunstgeschichte wird mit der Zeit immer höher . “ Wie schon 1987 Rolf Biedermann rügend konstatierte :
(a. a. O., S. 338). Die Qualität dieser frühen Zeichnung für den von Herz in Auftrag gegebenen Alexander-Zyklus indirekt auch durch Biedermanns Hinweis auf Herz als eines „Kunstverleger(s) mit Blick für Qualität“ belegt. Für sich selbst sprechend indes als ein von großartigem Hell-Dunkel bestimmtes herrliches Beispiel früher Reife und Vollendung wie schon verschiedentlich an Hand anderer Frühwerke konstatiert ( „daher ist diese Zeichnung für die Kenntnis seines bereits perfekten Stils in jungen Jahren von Bedeutung“ , Nebehay 88,2 zur 1721er Zeichnung zu Th. 1 / Welisch, Geschichte der Augsburger Maler im 18. Jhdt., 1901, S. 92 in Zitat Thienemann’s für das Können bei der nicht vor 1719 anzusetzenden Rückkehr von dem dreijährigen Aufenthalt bei Baron (so ADB entgegen Kilian/Th., „Graf“) Metternich in Regensburg: „dass alle Kenner … seine erlangte Geschicklichkeit und Stärke sowohl in Historien- als Tierstücken bewunderten“ ) und immer nur großer Kunst eigen. Denn
(Gershom Scholem 1958 in seiner Laudatio auf Samuel Josef Agnon, zitiert nach Itta Shedletzky in der FAZ vom 7. März 2007). Ridinger war zur Zeit der Alexander-Zeichnung 25. Und er war erst 24, als er seine früheste, wundervolle „Neue Reit-Kunst“ , Thienemann 605-627, schuf, von der zwei der unglaublich schöne Vorzeichnungen auf Anfrage hier erwerbbar sind. In Beiwerk und farblicher Plastizität der Schnüre korrespondiert deren Titelzeichnung mit der Alexander-Zeichnung. Und in der Bezeichnung – die dortigen Blockbuchstaben indes durchgehend in Versalien – und deren Placierung stimmen beide weitgehend überein. Dort am Sockel des Postaments, hier an der oberen der beiden Opfersteinstufen.
Auf dem Stein unterhalb des liegenden Hundes eine weitere, 3zeilige, teils durchgestrichene Beschriftung in Latein und arabischen Zahlen ( „17 fo… Erectium …“ ? ), die hier nicht zu entschlüsseln ist. Die Bedeutung dieser Arbeit dominiert zunächst von der künstlerischen Bewältigung des Themas Auf den Gegensatz thematischer Einzigartigkeit hier und typischem Schaffen dort trifft somit im übertragenen Sinne zu, was Thieme-Becker XVII, 392/2 in Hinsicht auf die religiösen Arbeiten bei Hogarth konstatieren: „nicht nur beachtenswerte Leistungen auf einem der ganzen Richtung seiner Begabung fernliegenden Gebiet, sondern auch Zeugnisse der Vielseitigkeit und Beweglichkeit seines Geistes“. Nicht eine einzige thematisch auch nur annähernd ähnliche Zeichnung befand sich im 1830 von Weigel übernommenen, ca. 1849blätt. Zeichnungsnachlaß (siehe „Joh. El. R.’s Kunstnachlaß in Handzeichnungen“ innerhalb des Weigel’schen Zeichnungs-Nachlaßkataloges von 1869) oder ist seitdem hier unter Einbezug des in 146 Lots vereinigten 234blätterigen Bestandes der am 19. 5. ff. 1890 bei Wawra in Wien versteigerten „Schönen Sammlung von Handzeichnungen und Kupferstichen Joh. El. Ridinger’s aus dem Besitz eines bekannten Sammlers“ und des 95blätt. Corpus der 1958 aufgelösten Gräflich Faber-Castell’schen Ridinger-Sammlung marktbekannt geworden. Nach aller Wahrscheinlichkeit ist diese Zeichnung die früheste Darstellung des Hyphasis-Geschehens in der Kunst . Und die einzige dazu. Bedingend eine kunsthistorische Umgewichtung. Kurz, eine Meisterzeichnung des Deutschen Barock. Und unter diesen zweifellos eine der erregendsten. Erst jüngst erinnerte Ruth Baljöhr an Hans Möhle’s schon 1947er Hinweis, wonach „die besondere Leistung des deutschen Barock auf dem Gebiet der Handzeichnung“ läge. Ergänzt von Christoph Vitali (FAZ-Magazin 16. 1. 1998), der der „ Kunst des Barock noch genügend provokatorische Kraft “ bescheinigte. Der Erhaltenszustand gesamthaft nahezu noch perfekt. Die im oberen Viertel geglättete Querfalte bildseits nur teilweise bemerkbar. Letztlich nur wenig störend auch die verschiedenen bis zu 5 cm tiefen Einrisse im Oberrand, die sämtlichs beigelegt sind. Hier und da ganz feine Quetschfältchen. Rückseits nur noch unwesentliche Reste früherer Montage. Mit Wasserzeichen „IV“ (Jean Villedary?, 150 Jahre prosperierende Papiermühle in Angoulême als zugleich Partner für holländische Mühlen, wo sein IV/I V etwa als Gegenmarke zu C & I HONIG erscheint, generell aber auch als Raubmarke mißbraucht wurde wie auch sonstige für erste Qualitäten stehende Marken). Der „IV“ als zeitgenöss. Marke begegnen wir im graph. Ridinger-Œuvre vielfach, für die Zeichnungen siehe auch die Monogramm-Version „I V“ auf der 1762er Augsburger Zeichnung „Wildkatzen jagen Enten“ (Biedermann, Meisterzeichnungen des Dt. Barock, 1987, Nr. 165). Und Villedary’s complette Marke „IV ILLEDARY“ findet sich auf hiesiger 1736er Waidmannsheil-Zeichnung des jüngeren Georg Philipp Rugendas.
(Mr. J. G., February 21, 2003) |