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Ausritt mit dem großen Pferde-Rugendas
 
Zwei seltenste zeichnerische Gegenstücke
der Spätzeit
bislang unerkannt geblieben für ihre Stellung im Œuvre
Rugendas d. Ä., Georg Philipp (1666 Augsburg 1742). Sammeln zum Ausritt. Zwei große Gesellschaften in Aufbruchsbewegung. Zwei Pinselzeichnungen in differenziertem Grau bis Braun über Bleistift. Nicht vor 1730 . 190-193 x 237-238 mm.
Auf getöntem leichten HONIG-Bütten, davon eines mit der angeschnittenen Wortmarke C & I HONIG wie seit 1730 im Verkehr und von Rugendas auch für seine aus dem Nachlaß überlieferte Augsburger spektakuläre signierte 1738er zeichnerische „Reiterschlacht vor einer Festung“ benutzt (Biedermann, Meisterzeichnungen des Dt. Barock, Augsburg 1987, Nr. 173 + Rugendas-Katalog Augsburg, 1998, Abb. 22), dort zusätzlich mit Lilien-Wappen und der für den franz. Partner Jean Villedary (dessen Eigenmarke „IV ILLEDARY“ auf hiesiger 1736er Zeichnung des jüngeren Georg Philipp) stehenden Gegenmarke IV.
Rückseits unten links alt in Bister mit 191/92 numeriert, doch wohl kaum einem Skizzenbuch entstammend („Alle Zeichnungen [in Augsburg] stammen aus aufgelösten Skizzenbüchern“, Held, Gg. Ph. Rugendas, 1996, S. 121, wie nach des Brasilianers Johann Moriz’ Tod mit dem Familiennachlaß 1855 nach dort gelangt), wenngleich formatmäßig mit solchen korrespondierend als Gode Krämer hierfür namentlich zwei offenbare Rugendas’sche Standardformate von ca. 18 x 25 bzw. ca. 20 x 33 cm mitteilt (a. a. Rugendas-Katalog S. 27). Als durchweg und vielfach beidseitige ledigliche Detailstudien kommen sie überdies nicht in Betracht, auch fehlt jenen Blättern jegliche frühere Numerierung.
Der vom Wasserzeichen vorgegebene zeitliche Aspekt hingegen
bereichert den Bildreichtum anstehender Pendants
um einen Seltenheitsfaktor von Graden .
Denn nach Krämer gilt die „Tatsache, daß sich außer dem Berliner Konvolut (von mit der Schabblattproduktion in Verbindung stehenden Rötelzeichnungen), einiger kleinerer und großer Zeichnungen für große Thesenblätter und ihnen ähnlicher Vorzeichnungen zu Fürstenporträts
praktisch keine Zeichnungen nach 1720 gefunden
haben; und vor allem aus dem Fehlen jeglicher zeichnerischer Vorbereitung zu den ab 1735 wieder begonnenen Gemälden“. Mit Ausnahme eben obiger Reiterschlacht als „Ganz am Ende seines zeichnerischen Werks (stehend) … durch Signatur und Datierung 1738 gesichert“ (a. a. O., S. 34/III).
Aber auch „Kompositionsstudien – und eben um solche handelt es sich hier – haben sich nicht sehr viele erhalten und keine die mit einer späteren Ausführung direkt zu verbinden ist“, so Gode Krämer zuvor abschließend zur Gruppe kleiner Skizzen von Gestalten und Teilen von Gestalten in Kreide und Bleistift (S. 28/I) und wie letzteres offenbar auch auf hiesiges Paar zutrifft. Dennoch sind Rückgriffe auf frühere Arbeiten unverkennbar.
So begegnen wir den beiden geradeaus orientierten Reitern mittig der nach rechts agierenden fünfköpfigen Hauptgruppe des ersten Blattes bereits im Eingangsblatt (Teuscher 31 nebst Abb.; 24,5 x 39,5 cm) der 1705er Folge von „Szenen aus der Belagerung der Stadt Augsburg“, wo die entscheidende Frontfigur – wie als solche denn auch hier – ein Ordre erteilender General der Belagerungstruppen ist, dem der Angesprochene per entblößtem Haupt seinen Respekt bekundet. Nichts mehr davon hier, auch des letzteren Pferdestellung in nunmehr seitwärts verselbständigt. Und nur auf der Zeichnung ist diesem ein weiterer Reiter rechtwinklig zur Linken plaziert. Und diese rechtwinklige Zweierkombination korrespondiert ihrerseits mit den beiden Reitern auf dem Schulblatt Teuscher 296, denen ein Bereuter einen den Schritt übenden Prüfling vorführt.
Der auf dem Belagerungsblatt schließlich rechts neben dem General plazierte Reiter erscheint auf der Zeichnung seitlich versetzt rechts hinter diesem, beide Male ziemlich, doch unterschiedlich, verdeckt. So ist er auf der Radierung erst ab Brusthöhe, auf der Zeichnung schon ab Sitzhöhe sichtbar. Sein Pferd dagegen dort mit nahezu vollständigem Kopf + Vorderteil bis Bauchhöhe, hier hingegen verdeckt bis kurz unter Mähnenansatz.
Die auch zeichnerisch distanziert behandelte zurückgesetzte dreiköpfige Gruppe des rechten Bildfeldes nur ansatzweise an die entsprechend plazierten berittenen beiden Offiziere der Graphik erinnernd. Deren hügeliger Hintergrund mit der Silhouette Augsburgs hier nur per simpler Lavierung als bildtechnische und zudem höhere Nahkulisse.
Generell folgt der Bildaufbau denkbar unterschiedlichen Vorgaben. Dort die von unmittelbarem Troß begleitete Hauptgruppe als Bildmitte vor Belagerungsring vor der teilbrennenden Stadt. Hier eine linksseitig bestimmte ausschnitthafte Bildfülle einer miteinander plaudernden vornehmen Gesellschaft nebst zivilem Gefolge vor unmittelbarem Aufbruch, wie seitens der Pferde spürbar vermittelt. Zwischen den Szenerien einst + jetzt liegt eine ganze Generation.
Die zweite der Zeichnungen bietet sich in ihrer optischen Bezogenheit auf die erste in Komposition, Technik, Format und Papier als Gegenstück an, gestützt auch von der rückseitigen Numerierung. Vor allem aber dominiert sie derselbe „General“, hier aber im Schritt nach links geradeaus und solchermaßen mit sichtbarem Degen. Mangels linksseitiger Nachbarschaft blickt er in die dortige Ferne. Und konträr zu dem einen Schecken reitenden General der Belagerungs-Radierung hier denn
Wouwerman zitierend auf beiden Blättern auf einem Schimmel
als Dominanzmerkmal. Rechtwinklig seitlich zu ihm eine Dame im Damensitz, deren ausgestreckte Linke, aber auch nur diese, die auf einem Maultier reitende Marketenderin der Belagerungs-Radierung Teuscher 35 zitiert. Und ganz marginal erinnert die ausgestreckte Rechte des Reiters linksaußen an jene des linken Reiters auf Teuscher 32.
Nach hiesigem Kenntnisstand, dem sich nach Fotoansicht Dr. Krämer, Kustos em. der Städtischen Kunstsammlungen Augsburg und Kurator obiger 1998er Rugendas-Ausstellung, per mündlicher Äußerung zugleich mit dem Hinweis anschloß, daß, wie hier, die nah und groß gesehene Gruppe auch ein Charakteristikum der späten Öle sei, handelt es sich nach allem Obigen um
zwei jener seltenen autonomen Zeichnungen des Meister’s
im Sinne der Literatur .
So erinnert Frau Held (a. a. O., S. 127) an teilweise nur aus zeitgenössischen Nachstichen bekannte kompositions- und formatgleiche Pferde-Paare von Ende der 1690er, deren sorgfältige Ausführung, namentlich auch in puncto Lavierung und „durch Schatten und Linien angedeutet(e Bodenzonen)“ – letztere der hiesigen Zeichnungen in großem Reichtum behandelt – die Annahme autonomer Arbeiten nahelege.
Dazu Gode Krämer a. a. O., Seite 26/I:
„ … gibt es nur wenige autonome Zeichnungen von ihm .
Nahezu sein gesamtes zeichnerisches Werk ist gleichsam dienend, besteht aus Studien, Skizzen, Umzeichnungen, eigenhändigen Nachzeichnungen und Reinzeichnungen, die eigene Gemälde, Radierungen und Schabkunstblätter oder graphische Werke anderer Künstler vorbereiten. “
Und wenn Held hinsichtlich der Qualität seiner Malerei „seiner schon früh ausgeprägten Begabung für

sanfte , atmosphärische Stimmungen ,
die den (dortigen) martialischen Gehalt seiner Bildinhalte mildert“ (S. 142) gedenkt, so bestimmt eben auch anstehende Zeichnungen

die Weichheit ihrer Pinseltechnik ,
mit Bedacht noch potenziert durch den tonigen Papiergrund. Letzterer denn auch die zumal rückseitige Bräunung von etwa 4 cm des jeweils rechten Bildrandes sowie beim zweiten Blatt 3 cm am Unterrand bildseits zu einem gut Teil auffängt und als nicht ungebührliche Patina dreier bewegter Jahrhunderte vermittelt. Im übrigen von makellos letzter Frische.
Daß diese Rugendasse zudem zivilen Bildinhalts sind, macht sie dem heutigen Pferdefreund zwangsläufig zusätzlich (sonnenabgewandt!) wandtüchtig und dem Sammler angesichts zeitbedingt mehrheitlich kriegerischer Szenarien besonders begehrenswert. Denn
„ Rugendas’ Interesse für Pferde ist … (eben) nicht nur durch die kriegerische Thematik seines Œuvre bedingt. Es ist auch Folge eines seit dem 16. Jahrhundert wachsenden hippologischen Interesses, das sich v. a. im 17. Jahrhundert in zahlreichen bebilderten Lehrbüchern zur ‚hohen Schule’ manifestiert. Diese wurden mitunter von bekannten Schlachtenmalern wie z. B. Charles Parocell illustriert “
(Held, a. a. O., Seite 127).
Tatsächlich war „der große Zeichner Rugendas“ (Krämer) ein genereller Pferde-Schilderer schlechthin und
„ ohne Zweifel ein Talent ersten Ranges, um nicht zu sagen, ein Genie. Zweifellos, unter bessere Verhältnisse gesetzt, etwa in den Niederlanden um 1650 lebend, ein Künstler … der seine
sämmtlichen Pferde- und Schlachtenconcurrenten überflügelt hätte “
(Wilhelm Schmidt 1889 in der ADB, Bd. XXIX, Seite 600).
Dessen Graphik-Folgen „ein wahres Lexikon für den Pferdezeichner“ bilden, so schon Meusel 1803 in seiner „Lebensgeschichte des Bataillenmalers Georg Philipp Rugendas“ (nach Held, S. 126).
Und fürs unmittelbare 18. Jahrhundert brachte der Malerkollege Ferdinand Kobell seine Wertschätzung 1771 drastisch mit seinem résumé auf den Punkt, mit dem er das Augsburger Künstlertum der Vorgeneration beispielgebend differenzierte: „nur schade, daß in einem solchen Orth ein Ridinger – und Rugendas gelebet haben“ (Decultot und andere Hrsg., Joh. Gg. Wille, Briefwechsel, Tübingen 1999, S. 486).
Für letzteren denn hier + heute zwei zeichnerische Pendants von Rang und Schönheit . Und einer
für das zeichnerische Œuvre
oben belegten absoluten Seltenheit .
Ohne Glas + Rahmen
Angebots-Nr. 15.181
“ I am curious as to the history of this (original Ridinger printing-)plate (just I bought) and the others you have offered. Did you purchase them from the Ridinger estate (indirectly, indeed) or a private collector? These are truly rare one of a kind pieces ”
(Mr. L. A. F., October 28, 2003)
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