Johann Elias Ridinger (Ulm 1698 – Augsburg 1767). Alexander der Große im Herbst 326 v. Chr. am Hyphasis in Pandschab, Indien. Der Zenit eines Weltreiches – Eine Wendemarke der Geschichte. Opferszene inmitten des Heerlagers am Ufer des Hyphasis (heute Beas/Bis River, auch Vjâsa; bei den alten Indern Arjilzi oder Vip[as]; Nebenfluß des Indus). Weißgehöhte Bister-Feder- und Pinselzeichnung mit schwarzer Einfassung. Bezeichnet in Bister auf der oberen Altarstufe unten rechts: Ioha: Elias: Ridinger: inv: et del Ao. 1723 Aug: vin. 489 x 524 mm.
Illustration: WELTKUNST LXIV, 20, S. 2687; MILITARY HISTORY XXI, 2, S. 30.
Literatur: L. H. Niemeyer, Ridinger der Unbekannte. Aspekte zum Werk des Malers, Zeichners und Graphikers, in: WELTKUNST, 1994/20, SS. 2687 ff.; Derselbe, Dresdner Rede – Der verharmloste Ridinger, 1998. Überarb. u. erweit. Internet-Fassung; Derselbe, Die Vanitas-Symbolik bei Joh. El. Ridinger, in: U. Wunderlich (Hrsg.), L’Art Macabre 2, 2001, SS. 94 ff. Erweit. Internet-Fassung; Peter G. Tsouras, ALEXANDER THE GREAT. Lone Stand in India / Alexander’s Most Heroic Moment, in: MILITARY HISTORY 2004/2, SS. 26 ff.
Nagler XIII, SS. 160 + 162 („Er malte da anfangs für den Kunsthändler Dan. Herz verschiedene historische Darstellungen“, davon die bekannten beiden gestochenen zu Alexander qualifiziert als „reiche Compositionen“); Thieme-Becker XXVIII, 308-311: VII. Verschiedenes: Schlachten Alexanders d. Gr. (Thienemann Nr. 917 f.).
Dem Alexander-Zyklus zugehörige im graphischen Œuvre nicht nachweisbare autonome Arbeit von geradezu erregender Dichte als indes politisch nicht korrekt von Herz offenbar nicht veröffentlicht.
Überliefert wird jener Augenblick, da Alexander angesichts des meuternden Heeres, ungünstiger Rauchopfer und der Fruchtlosigkeit seines Achilles’schen Zürnens erkennt, daß er umkehren muß. Und zeigt einen König, der diese Stunde annimmt und damit die Herrscher-Vision von einer mit dem Weltmeer am Ganges gedanklich schon greifbar vor ihm liegenden Vollendung des Weltreiches dem „kleinlichen“ Verlangen seiner Soldaten, nach 8jährigem Kämpfen, 18000 km Marschierens bei zuletzt zweimonatigem Dauerregen endlich zu Weib und Kind heimkehren zu wollen, unterordnet und damit den Zenith seiner eigenen Geschichte akzeptiert.
Unter militärhistorischem Aspekt wird 2330 Jahre später Peter G. Tsouras in MILITARY HISTORY’S (XXI, 2) Titelgeschichte „ALEXANDER THE GREAT. Lone Stand in India / Alexander’s Most Heroic Moment“ dieses Geschehen „die einzige je erlittene Niederlage Alexander’s“ nennen. Und die größtmögliche dazu. Er- und durchlitten im Anschluß an seinen größten Sieg wenige Monate zuvor, am Hydaspes (Dschilam) gegen Poros. Demonstriert an abgebildeter anstehender Zeichnung:
„An illustration by Johann Elias Ridinger shows Alexander after the Hydaspes, facing his greatest defeat: being compelled to turn back at the behest of his own weary officers and troops.“
Indem Ridinger nach zwei frühzeitbedingt nur per Stich Dritter überlieferten vorangegangenen, herkömmlich verherrlichenden Alexander-Blättern (Belagerung von Halicarnassos + Überquerung des Tigris) nunmehr die psychologische Größe dieses Augenblicks einer vor allem auch geistigen Kapitulation als den unerhört zivilisatorischen Moment schlechthin und als sein ganz persönliches (vorläufiges) künstlerisches Facit dieses einzigartigen Lebens versteht, greift er geistig seiner eigenen Zeit, der Barock-Zeit, weit voraus. Womit er gleichzeitig das bisherige Historienbild von der Darstellung heldenhafter Taten zur Reflexion über dieselben zwei Generationen vorwegnehmend fortentwickelt!
Ein kunsthistorisches Verdienst, für das in der Literatur noch die Zeit um 1800 mit dem gefeierten Bilde der unbelegten Saga vom byzantinischen Feldherrn Belisar von Jacques Louis David, dem alsbaldigen Hofmaler der Republik, von 1780/81 als Schlüsselerlebnis und Ausgangspunkt dieser neuen Bildkonzeption steht!
Rein künstlerisch indes spiegelt die Alexander-Zeichnung bereits die ganze Fülle und Könnerschaft des Meisters wider. Es ist eine bildhaft und thematisch reich gestaltete großformatige frühe Arbeit mit auch Pferden + Hunden als den Markenzeichen, Einblick gewährend zugleich in den kreativen Prozeß des Künstlers :
Der vorn vor dem Altar halb kniende König mit Diadem und – wie auch auf den Kupfern Th.917/18 – schulterlangem lockigen Haar als die unsichtbar montierte Endfassung über einem bescheideneren Entwurf einer Kriegergestalt mit Helm.
Nicht eine einzige thematisch auch nur annähernd ähnliche Zeichnung befand sich im 1830 von Weigel übernommenen, ca. 1849blätt. Zeichnungsnachlaß (siehe „Joh. El. R.’s Kunstnachlaß in Handzeichnungen“ innerhalb des Weigel’schen Zeichnungs-Nachlaßkataloges von 1869) oder ist seitdem hier unter Einbezug des in 146 Lots vereinigten 234blätterigen Bestandes der am 19. 5. ff. 1890 bei Wawra in Wien versteigerten „Schönen Sammlung von Handzeichnungen und Kupferstichen Joh. El. Ridinger’s aus dem Besitz eines bekannten Sammlers“ und des 95blätt. Corpus der 1958 aufgelösten Gräflich Faber-Castell’schen Ridinger-Sammlung marktbekannt geworden.
Nach aller Wahrscheinlichkeit ist diese Zeichnung
die früheste Darstellung des Hyphasis-Geschehens in der Kunst .
Und die einzige dazu. Bedingend eine kunsthistorische Umgewichtung. Kurz, eine Meisterzeichnung des Deutschen Barock. Und unter diesen zweifellos eine der erregendsten.
Erst jüngst erinnerte Ruth Baljöhr an Hans Möhle’s schon 1947er Hinweis, wonach „die besondere Leistung des deutschen Barock auf dem Gebiet der Handzeichnung“ läge. Ergänzt von Christoph Vitali (FAZ-Magazin 16. 1. 1998), der der
„ Kunst des Barock noch genügend provokatorische Kraft “
bescheinigte. Seit sie sich
„ im 15. Jahrhundert … zu einer immer größeren künstlerischen Bedeutung (entwickelte) … Sie diente nunmehr nicht nur als Hilfsmittel , sondern stand über allen Künsten als die unmittelbare Ausdrucksform künstlerischer Ideen . Leonardo nennt sie nicht nur eine Wissenschaft, sondern eine Gottheit … “
(Leporini, Stilentwicklung der Handzeichnung, 1925, Seite 46).
Mit „IV“-Wz., wie auch im späteren graphischen Werk nachweisbar und von Biedermann als „Monogramm I V“ für die 1762er Zeichnung „Wildkatzen jagen Enten“ belegt (a. a. O., Nr. 165), stehend auch hier wohl für Jean Villedary-Bütten der 150 Jahre prosperierenden Papiermühle in Angoulême (1668-1758 lt. Churchill, 1935, S. 21) mit seit 1758 Fortführung/Niederlassung (auch) in Hattem/Gelderland als „gelegentlich in Verbindung mit den Namen holländischer Papiermacher“ (Emma Ruffle), wo sein IV/I V u. a. auch als Gegenmarke zu denen von C & I HONIG (etwa 1724/26-1902) erscheint, generell aber auch als Raubmarke mißbraucht wurde wie auch sonstige für erste Qualitäten stehende Marken. „IV“-Papiere wurden in Augsburg von Rugendas („IV ILLEDARY“ etwa auf 1736er Waidmannsheil-Zeichnung des jüngeren Georg Philipp ebenso wie von Ridinger estimiert, wie denn eben auch hier.
Der Erhaltenszustand gesamthaft nahezu noch perfekt. Die im oberen Viertel geglättete Querfalte bildseits nur teilweise bemerkbar. Letztlich nur wenig störend auch die verschiedenen bis zu 5 cm tiefen Einrisse im Oberrand, die sämtlichs beigelegt sind. Hier und da ganz feine Quetschfältchen. Rückseits nur noch unwesentliche Reste früherer Montage.
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