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Der  Steinbock

kaiserliches  Synonym  für  überragende  Machtstellung

seit  den  Tagen  Augustus’

Johann Elias Ridinger (Ulm 1698 – Augsburg 1767). Der Steinbock wird erschrekt durch eines Luchsen List … / Der böse listige Luchs empfänget seinen Lohn … Pendants. Radierungen mit Kupferstich von Martin Elias Ridinger (1731 Augsburg 1780). Bezeichnet: Ridinger sculps., ansonsten wie vor und nachfolgend. 34,3-35,5 x 25,2 cm.

Paar XX/XXI (Thienemann + Schwarz 363/64) der nach väterlichen Vorlagen aus 1752/53 (so Schwarz an Hand der Zeichnungsdatierungen der Folge) meist paarweise gearbeiteten und postum 1779 abgeschlossenen 46blätt. Suite der „Besondern Ereignisse und Vorfallenheiten bey der Jagd“ als, so 1928 Schwerdt III, 140, „the rarest set of Ridinger’s sporting line engravings“, von der sich in der umfassenden Gräflich Faber-Castell’schen Ridinger-Sammlung bei deren Auflösung 1958 nur ganze drei Blätter fanden, während dem Coppenrath’schen Bestand 13 fehlten (Katalog 1889, 1546 + 1890, 1956), drei 1900 bei Helbing (Kat. XXXIV, Ridinger, 1554 Nrn.) und je eines Schwerdt und Baron Gutmann’s Zweitexemplar (?) innerhalb der hier durchgelaufenen Pompadour-Bände der Marjoribanks Folios.

Wobei nicht allein nach hiesigen Erkenntnissen die Bedeutung des Ältesten, Martin Elias, als dem Stecher auch anstehender Blätter für das Ridinger-Œuvre sichtbar über eine nur engagierte Mitarbeit als Stecher hinausgeht. Schon als 30jähriger wirkte er geradezu als ein spiritus rector hinter den Kulissen. Der dafür sorgte, daß Folgen nicht vorzeitig abgebrochen wurden. So gäbe es ohne ihn denn auch die Ihnen hier angetragenen nicht!

Und indem Wolf Stubbe (Joh. El. Ridinger, Hbg./Bln. 1966, SS. 16 f. + Taf. 34), in medias res gehend, Th. 722, Der Wilde Büffel und das Crocodil, aus den Kämpfen reißender Thiere bezüglich seiner Lichtbehandlung als einen künstlerischen Zenit des Spätwerkes feiert, erweist er zugleich, da an Hand dessen Kupfer, nicht der Zeichnung, urteilend, auch Martin Elias als dem Ätzer/Stecher jener Arbeit seine Reverenz. Ein Aspekt, der das Ridinger’sche Zusammenspiel vertiefend beleuchtet. – Mit jeweils 4zeiligem Untertext :

„ Der Steinbock wird erschrekt durch eines Luchsen List, Mit welcher heimlich ihm hier nachgesezet war; Allein Behendigkeit, die ihm ganz eigen ist, Befreit und rettet ihn aus drohender Gefahr.

„ Der böse listige Luchs empfänget seinen Lohn Für seine Frevelthaten; er fühlet Schmerz und Tod, Der Steinbok rächet sich an seinem Feind mit Hohn; Sein Zorn ist gestillt u: jener seufzt in Noth. “

Herrlich hier zunächst

die  mitreißende  Salto Mortale-Flucht  des  Steinbocks ,

instruktiv  sodann  dessen  Abrechnung  mit  dem  Gegner :

„dem unter ihm liegenden Luchse (drückt er) an einem Felsen mit starken Hörnern das Genick entzwei.“

Mit diesem nur scheinbar ganz natürlichen äußeren Tatbestand hätte es bei jedem anderen sein Bewenden. Nicht so bei Ridinger, den Wolf Stubbe 1966 einen meditierenden Didaktiker nannte, „de(n) Mann des  Vorsatzes , de(n) Planende(n) und Entwerfende(n), de(n) Gestalter aus künstlerischer Intelligenz“, der denn auch nicht rein zufällig Urheber einer 20blätterigen Fabelfolge ist, diese vielmehr „zumal zum Unterrichte der Jugend“ verstanden wissen wollte. Und so beinhaltet das Steinbock-Luchs-Geschehen im Kern die ganz klare Botschaft, nicht kneifend aufzugeben, vielmehr

der  eigenen  Kraft  bewußt  zu  sein

und  somit  Herausforderungen  für  sich  zu  entscheiden .

Was denn auch schlußendlich fürs Kräftemessen bei der Pirsch gilt. Denn  die  Jagd „ mag  auf  solch  edles , begehrtes  Wild  ja  gewiß  ein  Hochgenuß  sein , aber doch nur für den Weidmann, dessen Sehnen und sonstige Struktur dem S. nicht viel nachgeben …

( Er  wird )  von Kennern  für  das  stattlichste , edelste  Jagdtier  gehalten “

(von Riesenthal).

Dem Machtmenschen aber galt der Steinbock seit römischer Zeit, da Kaiser Augustus ihn als seinem Sternzeichen – dessen aus dem Zweistromland von Euphrat + Tigris stammender ursprünglicher Name lautete bis in die Zeit des alten Griechenlands Ziegenfisch – kaiserlich etablierte, als ausgeprägt elitäres Herrschafts-Symbol. Ihm dürfte es gegolten haben, als sich der kaiserliche Bibliophile Maximilian I. 1493 bei Zierl in Tirol in der Martinswand verstieg. Und

„ 1603 wird das Bildnis von (dem für seine künstlerische Hofhaltung berühmten Kaiser) Rudolf II. in einem Kupferstich von Egidius Sadeler (Hollstein 323) nach … Hans von Aachen verbreitet. Konzeptionell an allegorische Herrscherporträts anschließend, wird das Brustbild in eine Architektur eingebunden und inhaltlich anspielungsreich ausgestaltet. Das Gottesgnadentum des Herrschers wird in der Brüstungsinschrift ‚A Domino‘ aufgerufen, zusätzlich wird emblematisch einerseits mit dem Adler rechts oben auf den Göttervater Jupiter als Analogon Bezug genommen und andererseits links

mit  dem  Steinbock ,

dem  von  Rudolf II.  adaptierten  Sternzeichen  des  Kaisers  Augustus ,

die  überragende  Machtstellung  unterfüttert ,

deren territoriale Ausmaße im ovalen Schriftband abgesteckt wird. Mit dieser Herleitung ist das Kaisertum als universale, überzeitliche Gegebenheit dokumentiert ”

(Joachim Jacoby, Hans von Aachen 1552-1615, 2000, S. 52 nebst Abb. 30).

Dieser Prioritätsanspruch begleitet das Bild der Steinbock-Geborenen, zu denen Rudolf II. als Krebs eben nicht gehörte, durchweg (von Winter, Die Menschentypen, 1959, SS. 155 ff.). Gleichwohl

„ Schon (zur Ridinger-Zeit) … im Alpenraum … weitgehend ausgerottet; lediglich in Italien … hatten einige wenige Tiere (im Piemont dank 1821er scharfem Schongesetz und späterer schützender Hand König Viktor Emanuels II.) überlebt und wurden zur Wurzel aller heute existierenden Kolonien … “

(Bruno Hespeler in Blüchel, Die Jagd, Bd. II, S. 134).

Dieser seinerzeitigen Nahezuausrottung entspricht sein Vorkommen im Œuvre Ridinger’s. Thematisch wie materiell

bildet  der  Steinbock  Perlen  im  Heuhaufen  der  Hirsche  des  Meister’s .

Ref.-Nr. 14.979 / Lagerware – nicht katalogisiert / Beschreibung + Angebot anfordern