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» Die  Vier  Tageszeiten  der  Hirsche «

als  die  vielleicht  schönste  Naturfolge  der  alten  Graphik

mit  den  hier  herausgefundenen ,

stimmungsreich  inszenierten  Lokalgebern

Starnberg  am  See  +  Nymphenburg

und  zudem  mit  Ridinger’s  einziger  eigener  Dedication .

Eine  in  der  Tat  ganz  intime  Wanddekoration !

Johann Elias Ridinger (Ulm 1698 – Augsburg 1767). Die vier Tageszeiten der Hirsche. Folge der 4 Radierungen mit Kupferstich. Ca. 1746. Bezeichnet: J. E. Ridinger Pictor ac Sculptor Augustan. (1) bzw. J. E. Ridinger fec. (2-4), ansonsten wie nachfolgend, dabei das Tages-Motto jeweils oberhalb des Bildovals, dessen Ecken ausschraffiert sind. 34,8-35,1 x 28,4-28,9 cm.

Thienemann + Schwarz 238-241 („grossartige Compositionen“, Nagler).

 

Morgen

Lucem  revehit  tenebris  Aurora  fugatis

Nach  verscheuchter  Finsternis  führt  Aurora  das  Licht  zurück&

„ Auf Felsenmassen steht ein Spiesser, welcher mit weit empor gestrecktem Halse die aufgehende Sonne begrüsst. Unten an einem Wasser liegt ein stattlicher Zwölfer, welcher, als Lichtfreund, ebenfalls nach oben blickt, daneben noch ein ruhig stehender Zehner und zwei Stück Wild. “

Für den Spießer dürfte die Zeichnung Weigel, 1869, Nr. 133 – „Ein auf einem Felsenstück stehender lechzender Hirsch“, schwarze Kreide, weiß gehöht, auf blauem Papier – als Vorlage gedient haben, von Ridinger bezeichnet mit „in  silva  Nymphenburg , ad  vivum  delineavit  J. E. Ridinger. 1738“. – Als Ganzes dürfte die Komposition in Verbindung stehen mit dem als Öl Johann Elias’ geführten Exponat der Niederösterreich. Landesausstellung „Jagd einst und jetzt“, Schloß Marchegg 1978, Nr. 129 – 44,5 x 37 cm, Pendant siehe Mittags-Kupfer – , beschrieben als „… zeigt eine Felslandschaft mit Hirschen und Tieren“.

Mit der Widmung – der einzigen eigenen im rund 1600blätterigen graphischen Œuvre! – für den künstlerisch vielseitigen Diplomaten Christian Ludwig von Hagedorn (Hamburg 1712 – Dresden 1780), Bruder des Dichters und seit Ende 1763 Direktor der Dresdner Akademie, dann, 1764, dortiger Generaldirektor aller kulturellen Einrichtungen, hier in seiner Eigenschaft als Legationsrat August III. (Kurfürst Friedrich August II. von Sachsen), Königs von Polen :

„ CHRJSTJANO  LVDOVJCO  AB  HAGEDORN

Potentiss. Poloniae Regis a Consiliis Legationum / Viro et avitae Nobilitatis Splendore / et artis graphicae usu, cultu, amore / inter graviora negotia Spectabili / D. D. D. “

1735 in kursächsische Dienste getreten, avancierte Hagedorn 1743/44 zum (1763 Geheimen) Legationsrat. Über den Anlaß zu Ridinger’s auszeichnender unikater Widmung liegen hier noch keine Erkenntnisse vor.

 

Mittag

Sol  mediam  coeli  terit  arduus  arcem

Die  hochstehende  Sonne  berührt  die  Mitte  der  Himmelsburg

„ Vor einem starken Waldbaume steht, nach uns gewendet, ein starker Hirsch (an einem Wasser) und erquickt sich unter dem Schatten des Laubdaches, daneben liegt ein stattlicher Zehner und leckt sich den Rücken, und ein Gabler, als der Dritte, ruht ebenfalls. “

Das Gegenstück zu dem per Morgen-Blatt beigezogenen Öl in Marchegg dort per Nr. 128 wie folgt beschrieben :

„ … stellt eine Gruppe von drei Hirschen dar, die sich unter einem mächtigen Baum versammelt haben. Zwei Hirsche haben sich am Boden gelagert, der dritte steht dem Betrachter fast frontal gegenüber. Im Vordergrund ein Wasserlauf, im Hintergrund dichter Wald. “

 

Abend

Ast(e)rifero  procedit  Vesper  olympo

Am  sternbesäten  Olymp  schreitet  der  Abend  fort

„ Die Hauptfigur, ein rüstiger Zwölfer (eines der beiden Einband-Logi der ridinger handlung), hat neben sich eine liegende Hirschkuh und hinter sich einen Spiesser (vielleicht der Herr Sohn). Alle drei munter und lebhaft, denn es sind Nachtthiere. “

Unter Fortlassens der stehenden zweiten Hirschkuh ist es spiegelbildlich die rechte Vordergrund-Gruppe aus Th. 293

„ Anno 1736. im Walde bey Stahrenberg nach der Natur gezeichnet “,

dessen Kupferübertragung – „J. El. Ridinger ad viv. del. et fec.“ – 1746/48, wohl aber kaum vor 1747, erfolgte. Diese Szenerie zeigt an einem als Seebucht anzunehmenden Gewässer besagte Vierergruppe auf einem Felsblock oberhalb des Wassers und zugleich am Fuße eines ins Bild hineinragenden Felsens und zum andern am jenseitigen Waldsaum einen anderen Kapitalen mit 7köpfigem Serail.

Die augenscheinlich zugehörige Tusche-Vorzeichnung der Sammlung Coppenrath – Abt. II (1889), Nr. 1918, „Zu Th. 293“ – „Hirschrudel am Ufer“ mit der Unterschrift

„ Nach  der  Natur  bey  Starenberg  am  See  gezeichnet “

könnte sich gleichwohl als identisch mit jener wortgleich bezeichneten bei Weigel, 1869, Nr. 130 und damit als zu Th. 241 gehörig erweisen, siehe anschließende Szenerie.

Unter den Detailveränderungen eines hier verhandelten Öls der Gesamtkomposition Th. 293 erweist sich die Gewässersituation unterhalb der rechten Vordergruppe bemerkenswert als im Gegensatz zum Kupfer eindeutig einen Abfluß (den der Würm?) inszenierend.

 

Nacht

Jam  medio  volvuntur  Sidera  lapsu

Schon  bewegen  sich  die  Sterne  inmitten  ihres  Niedergangs

„ Es ist Mondschein zur Brunftzeit. Ein jämmerlich schreiender Brunfthirsch, ein Sechzehner, ist von sieben Stück Wild, einem ansehnlichen Serail, umgeben, welche zu Wasser (und zwar eindeutig dem eines Großsees) gehen wollen. Am jenseitigen Ufer schreit ein anderer Hirsch. “

Diese Achtergruppe exakt die Situation der vorgenannten Zeichnung Weigel 130 :

„ Eine Landschaft mit einem Flusse (sic!); im Vordergrunde ein Hirsch und (7) Hirschkühe, welche vom Felsen nach dem Flusse herab gehen. Bezeichnet: Nach  der  Natur  bei  Starenberg  am  See  gezeichnet. Mit des Malers Namen (dieser bei Coppenrath oben unterstelltermaßen per „Bezeichnet“ mit eingeschlossen), Tusche und schwarze Kreide … “

Stückmäßig entspricht diese Gruppe jener oberhalb des Wassers am Waldsaum angesiedelten von Th. 293, deren Kapitaler lediglich keine 16 Enden erkennen läßt. – Thematisch zugehörig im übrigen sicher auch die unbezeichnete Zeichnung Weigel 169 „Eine Waldparthie mit einem Hirsche und zehn stehenden und liegenden Hirschkühen; ein Brunsthirsch jenseits eines Flusses wagt nicht heranzukommen. Auf bläulichem Papier, Tusche, weiss gehöhet, qu. roy. f.“.

Mit Obigem sind damit wohl erstmals „Die vier Tageszeiten“ mit zunächst drei ihrer Szenerien in lokalen Kontext gestellt worden,

dominiert  von  Starnberg , assistiert  vom  nahen  Nymphenburg ,

und jeweils nach eigener Lokalansicht. Ein sich hieraus ableiten könnender früherer Zeitansatz für die Entstehung der Tageszeiten-Folge auf die späten 40er, frühen 50er erscheint eher unwahrscheinlich hinsichtlich eines an 1757/58 anknüpfenden denkbaren Zeitmerkmals für die zwangsläufig vor den Tageszeiten geschaffene nachfolgende Hippokrene.

Des Meister’s seinerzeitige Vorliebe fürs Münchener Umfeld im übrigen belegt ausweislich Zeichnungs-/Kupferbezeichnungen 1736 + 1738 für  Starnberg  (Weigel 130/Th. 293; Ridinger-Zeichnungs-Sammlung bei Wawra, 1890, Nr. 56 [„Hirsch auf einem Hügel gegen den Wald ziehend, bezeichnet Ad Vivum in Silva Starenbergensis Joh. El. Ridinger 1738“, Kreide auf blauem Papier, weiß gehöht, gr.-fol.] + evt. auch Th. 269), für  Nymphenburg  1731 (Th. 287, „in dem Parc von Nymphenburg  gegen  Stahrenberg …“; + 1738 (Weigel 133/Th. 238), evt. noch 1734 (Thienemann 274) und eventuell/vermutlich für  Schleißheim  1735 (Th. 282), 1736 (Th. 270) + 1738 (Wawra 55, „Hirsche im Wald bei Schleissheim. Mit dem Namen des Meister’s und … 1738 …“, Kreide auf blauem Papier, weiß gehöht).

Über ihre allgemeine Zugehörigkeit zum Schönsten vom Schönen hinaus erweisen sich solchermaßen

Ridinger’s  „ Vier  Tageszeiten  der  Hirsche “

als  zusätzlich  eingebettet  in  ein  lokales  Umfeld  höchsten  Anspruchs .

Und eines ikonographischen dazu. Denn

„ Hirsche am Wasser in gebirgiger Landschaft spielten auf den berühmten Psalm 42.1 an ‚So wie der Hirsch nach frischem Wasser dürstet, so strebt meine Seele nach Dir, Herr‘ und wurden zur Chiffre für die ‚anima christiana‘ “

(Justus Müller-Hofstede gelegentlich der 1985er Kölner Savery-Ausstellung, FAZ 10. 11. 1985).

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