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3 x  illustrer  Vorbesitz

Ridinger’s  „Geistreiche  Skizze“

Johann Elias Ridinger (Ulm 1698 – Augsburg 1767). Großer wilder Kuder, am Fuße einer Kopfweide Recht sprechend unter drei Wildenten. Deren Klügste fliegt davon, eine zweite macht noch die Laute, indes die dritte unter den Vorderpfoten der „entflammten Auges“ (Brockes) der protestierenden zweiten gekrümmten Buckels und erhobener, unkorrekt zugespitzter (so auch auf Th. 1069 und, weniger prägnant, Th. 471) Rute Bescheid fauchenden Obrigkeit schon im Vollzug begriffen ist. Mittig dominant der Kuder, links die zwei ungepackten Enten, zur Rechten die Weide. Rötelzeichnung. 337 x 202 mm (Bildgröße 278 x 202 mm).

Johann Elias Ridinger, Kuder unter drei Enten

Provenienz

Carl Otto Marschall von Bieberstein

1810-1876
Kammerherr und Grossherzogl. Bad. Hauptmann a. D. in Carlsruhe
aus der badischen Linie der MvB mit um 1198 erster Urkundserwähnung.
„Die Familie bekleidete schon bei den ältesten Herren der Markgrafschaft Meißen
das Erbmarschallamt und nahm dieses Marschallamt in den Familiennamen auf.
Den Beinamen erhielten sie durch den Besitz der Burg und des Dorfes Bieberstein
zwischen Nossen und Freiberg in Sachsen.“
Sohn des Bad. Staatsministers Karl Wilhelm Frhr. MvB (Stuttgart 1763 – Karlsruhe 1817)?

Versteigerung dessen Sammlung von Handzeichnungen …
darunter eine grosse Anzahl … Zeichnungen von Joh. Elias Ridinger
Frankfurt/M., Prestel, 1879, Nr. 83 ( „ Geistreiche Skizze “ )

Versteigerung dessen Kupferstich-Sammlung ebda. 1877.

Theodor Heinrich Reich auf Biehla

Muskau 1823 – nach 1893
Dresdener Kaufmann, seit 1860 Miterbe des auf 1438 zurückgehenden Rittersitzes Biehla
in der Lausitz, auf dem er 1871/73 „auf den Grundmauern des Alten (1661) ein neues Herrenhaus
im Stil der italienischen Renaissance erbaut“, das 1945 geschliffen wird.

Von 1877-1890 Reichstagsabgeordneter der Deutschkonservativen für Bautzen-Kamenz,
von 1881-1892 durch Kgl. Ernennung Mitglied der 1. Kammer des Sächsischen Landtags.

Versteigerung dessen Ridinger-Sammlung …
enthaltend Radierungen, Kupferstiche, Schabkunstblätter und Handzeichnungen,
dabei zahlreiche Seltenheiten
Leipzig, Boerner, 1894, Nr. 338 ( „ Treffliche Skizze “ )

„ Von allen Ridinger-Werken,
welche seit langer Zeit zum öffentlichen Verkaufe geboten wurden,
kann sich keines in Bezug auf Vollständigkeit und Qualität,
auch nur annähernd mit der vorliegenden … Sammlung messen …
und berücksichtigte (der Sammler) bei seinen Erwerbungen
besonders die Seltenheiten und unbeschriebenen Blätter,
welche in reicher Auswahl vertreten sind. “

Rudolf Philip Goldschmidt

1836-1914, Frankfurter Bankierssohn, Privatier in Berlin

Rudolf Philip Goldschmidt (Lugt 2926)
Verso dessen Sammlungs-Stempel Lugt 2926 in Schwarz

Versteigerung seiner Sammlung von Zeichnungen (806) + Graphik
Frankfurt, Prestel, 1917 („Excellent catalogue“).

Versteigerung der Gemälde, weiterer Zeichnungen,
Aquarelle + Gouachen sowie Kunstgegenstände
Berlin, Paul Cassirer + Hugo Helbing, 1927.

 

Mit  ebenso  reichem  wie  interessantem ,

ja  kostbarem  14 x 9 cm  großen  Wappen-Wz.

für dessen Identifizierung sich hier an Hand von Heawood, Briquet und Sekundärliteratur nur marginale Ansatzpunkte ergeben. Einem großen Wappenschild scheint ein kleinerer eingefügt zu sein, dabei beide differenziert ausgefüllt. Bemerkenswert indes die oberen äußeren Kennzeichen:

Gekrönt linksseits von Mitra mit dem Kreuz auf der Weltkugel, rechts davon etwas niedriger angesetzte Kaiserkrone mit Kreuz auf Weltkugel, wie gleichfalls zugehörig. Jeweils seitlich davon Krummstab bzw. Schwert. Typographischer wohl Hersteller-Anhänger linksaußen G, rechtsaußen S.

Krummstab + Schwert in umgekehrter Plazierung und mit nur einfachem Kreuz mittig bei den Wappen-Marken Briquet 2162 (Anhänger H Z mutmaßlich eines Herstellers in Lohr; Franken + Rheinpfalz zwischen 1588 + 1603) + 2164 (Lohr + Mainz 1603, Minden 1604). – Krummstab apart bei der gekrönten Wappenmarke (Basel 1642) einer Zeichnung Jan Baptist Weenix’ (1621-1660/61) in Brüssel (Hautekeete [Hrsg.], Holland in Linien, 2007, Nr. 51).

Die gemeinsame Präsenz kirchlicher + profaner Herrschafts-Insignien innerhalb der Wappen-Marken offensichtliche Ausnahme, so etwa Heawood 453 auf einem unlokalisierten Ms.-Papier um 1690. Dem Reichtum anstehender Marke entspricht die feste leichte Bütten-Qualität. Dreiseits noch mit deren feinem Rand, linksseits wohl minimal verkürzt, da ein altes Bister-Monogramm (CS?, CG?) unterhalb des Bildes im knapp 6 cm breiten weißen und geknickt gewesenen Unterfeld angeschnitten erscheint.

Rechts unten in letzterem ein Bleistiftvermerk „11 ½“ zart in roter Tinte nachgezogen. Rückseits unten in Bleistift zudem „J. E. Ridinger, 1695-1767 / Samml. Reich, / Boerne 1894 / Skizze in Rotstein“. Abgesetzt hiervon und weniger kräftig zudem „440“. Der Goldschmidt’sche Sammlungs-Stempel in Höhe des Bildes. Die gewisse Stockstippigkeit im Bilde selbst überwiegend nur in den Randpartien und kaum bewußt werdend.

Johann Elias Ridinger, Kuder
Spuhr vom Wilden Kuder. Detail der Vorzeichnung im DJFM

Thematisch ist es in seiner stark augenbetonten Blickrichtung nach links zunächst der dort einen schnepfenartigen Vogel (Th. 1069: Waldschnepfe) verzehrende Kuder der Münchner Vorzeichnung im Deutschen Jagdmuseum vom December 1737 zu Blatt 18 (Th. 180) der von 1738-1740 erschienenen Folge der Jagtbaren Thiere mit den großen Spuren – siehe Tafel XXV der 1980er Facsimile-Ausgabe der Vorzeichnungen, den Ridinger fürs Kupfer indes änderte und ihn mit sich selbst beschäftigt zeigt.

Johann Elias Ridinger, Die wilde Kaz oder Kuder
Die wilde Kaz oder Kuder (Detail)

Sodann der gleiche „entflammte“ Blick nach links und nun auch in seiner Buckligkeit dem der Zeichnung nahekommend, indes beutelos und damit a priori in eigener Stellung, der Kuder oben rechts auf Blatt 24, Th. 219, der 1736er Betrachtung der Wilden Thiere mit den Brockes-Versen. Und beide Male in Anbindung mit starkem Baum. Womit aber dessen Ähnlichkeit aufhört.

Johann Elias Ridinger, Wild Katze oder Kuder
Wild Katze oder Kuder (Detail)

Und schließlich obiger 1737er Kuder über seiner Waldschnepfe als der untere der beiden von Th. 1069, der Wild Katze oder Kuder des Kolorierten Thierreichs, als Kupfer-Version hier nun nach rechts gerichtet. Fußend aber auf eigens hierzu geschaffener 1755er Federzeichnung (Weigel, 1869, Nr. 743).

Stehen nun die Bäume von Vorzeichnung/Kupfer zu Th. 180 bzw. Kupfer Th. 219 in malerisch vollem Laub – begrünt auch das Laubwerk von Th. 1069, doch siehe unten – , so zeigt sich die Weide anstehender Zeichnung in ganzer, eben skizzenhafter, doch in der differenzierten Behandlung der Stammrinde keineswegs uninteressanter Kahlheit. Eine derartige Ast/Zweig-Zeichnung findet sich auf Ridinger’s Kupfern nur ganz vereinzelt und überrascht auch bei ihrem zeichnerischen Vorkommen. Und angesichts der Vielzahl der im Ĺ’uvre bald offen, bald versteckt aufscheinenden Vergänglichkeits-Marken dürfte die Weide weniger der Skizzenhaftigkeit der Arbeit geschuldet sein, als vielmehr für ein bewußtes Vanitas-Symbol stehen, verdeutlichend das Schicksal der dritten Ente. Daß sich jenes der 1069er Thierreich-Schnepfe vor einem zerborsten gefallenen Baumstamm vollendet, stützt diese Annahme sichtbar. Und rückt hiesige Zeichnung weniger in die 1730er als in die zweite Hälfte der 1750er Jahre, zeitlich aufschließend möglicherweise gar zur 1762er Vorzeichnung zum indes gänzlich anders komponierten Katzen-Enten-Thema von Th. 389.

Und in eben diesem Zeitrahmen nicht zu übersehen auch die die Schwanzkrümmung des Kuders aufnehmenden und ihrerseits nach rechts kurvenden Pflanzenstengel am rechten Bildrand am Fuße des Weidenstammes, skizzierend, was auf 1760er Zeichnung zu Th. 722 gleichen Jahres von Stubbe als wesentliches Kompositionsschema wie folgt gesehen wird:

„ Zu den spätesten Arbeiten des Künstlers (1760) gehört das Tierkampfblatt ‚Der Wilde Büffel und das Crocodil‘ … Die eindrucksvolle Silhouette des angegriffenen (Büffels) … wird … optisch unterstützt von den zügigen hellen Kurven des Bündels aus Nilschilf rechts vom Büffel und noch einmal mehr durch den

mit  diesen  Kurven  konzentrisch  verlaufenden  Bogen  des  Krokodilschwanzes …“

und weiterer Schilfparallelen in nun kurvigem Gegenzug mehr. Wie, nur zart angedeutet, auch hier denn links des Stammes.

Daß im übrigen zusätzlich ausgerechnet während der Katalogisierung dieser Zeichnung ein gleichartig bebaumter Toter Wald von Max Pechstein aus 1935 zu Gesicht kam (Aquarell über Bleistift, Hauswedell & Nolte 434/I, 40), mag nur einen Anfänger überraschen. Es sei gestattet, aus dortiger Beschreibung den schönen Schlußsatz zu zitieren: „Die apokalyptisch anmutende Landschaft spiegelt deutlich die pessimistische Grundstimmung und elementare Verunsicherung der Zeit wieder.“

Hiesige Wildenten werden dem zustimmen und auch gern den Ridingers beipflichten, die die besagte Entenjagd im 1770 postum veröffentlichten Kupfer so treffend unterschrieben „Es ist doch nirgendswo im Leben eine Ruh. Die Endten baden sich. Der Kater kom(m)t darzu“ (zusammen mit dem Fuchs/Enten-Pendant Th. 389/90 hier aufliegend).

Doch unter welchem Aspekt immer diese Zeichnung betrachtet sein will, sie fasziniert, sie lebt. In ihrer Unmittelbarkeit, in ihrer geistigen Frische, neben der sich manch bildhaft fertig ausgeführte Arbeit geradezu staatstragend ausnehmen mag. Den Disput zwischen Kuder und zweiter Ente, wir hören ihn förmlich. Untertönt vom leisen Klagen der gerichteten.

„Geistreich“ , „Trefflich“

nannten die Katalog-Bearbeiter vor 120/130 Jahren aus ihrer täglichen Begegnung mit einem ganz anderen Materialangebot als heute diese Zeichnung. Sie wußen zu sehen, sahen mit den Augen liebender Kenner, estimierten den wählerischen Zugriff ihrer Vorbesitzer.

Angebots-Nr. 15.763 / Preis auf Anfrage