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Famoses Ridingerianum

mit jedem erneuten Betrachten faszinierender

Johann  Jacob  als  Zeichner ?

Johann Jacob Ridinger (? 1736 Augsburg 1784). Viel Luchse sind der Hirsche Tod. 13 letztere, deren zwei von drei bzw. einem Luchsen angefallen sind. Alle übrigen in wilder Flucht. Durchgängig belaubte abfallende Felsszenerie mit Gewässer im Vordergrund, in dem sich sechs – zwei kapitale – Tiere bereits befinden, davon eines beim Sprung von oben auf dem Rücken gelandet. Ein weiterer Kapitaler noch im Sprung begriffen. Oberhalb der Gruppe eine zweite von je zwei Hirschen und Tieren, davon einer der beiden ersteren mit souveränem Luftsprung den Beschluß bildend. Mittig links indes die Dominanz eines sich bäumenden Kapitalen mit abnormem Geweih mit einem ihn am Hals gepackten Luchs auf dem Rücken, einem zweiten angeklammert am Bauch und einem hinzuspringenden dritten rechtsseits, indes links dieser Gruppe ein weiterer Kapitaler ins Auge des Taifuns hineinflüchtet, dem ein vierter Luchs am Spiegel aufgesprungen ist. Eingefaßte Feder- und Tuschpinselzeichnung in Schwarz (Umriß) und Graubraun auf chamoisfarbenem festen Velin. 323 x 493 mm.

Verso unten rechts Namenszug eines mutmaßlichen Vorbesitzers in Bleistift, lesbar nur das „G:“ des Vor-, nicht der längere Nachname und eine von umlaufendem schmalen Kantenstreifen früherer Montage auf Rahmungskarton halbverdeckte Zweitzeile. – 3,5 cm langer Einriß in der rechten Oberecke und ein weiterer kleiner in der Himmelspartie ebenso versorgt wie die kleine Eckergänzung unten rechts. – Verso unwesentlich stock- und altersfleckig.

Inhaltlich sind es die verschiedensten bald direkten, bald indirekten Ridinger’schen Bildkomponenten, angeführt von dem luchsbefallenen aufgerichteten Kapitalen à la Th. 1144, siehe unten, doch ebenso an den Salto Mortale-Steinbock von Th. 363 erinnernd, dessen dort unter ihm hochspringender Luchs hier der rechtsseitige ist.

Bildhaft ausgesprochen dekorationsstarke

rasante , geradezu  aufregend  chaotische  Komposition

deren kürzliche Passage auf prominenter Auktionsbühne als Johann Elias Ridinger papierseits a priori ausgeschlossen ist, gleichwohl in großem Kontext zu diesem steht. Nämlich zur beeindruckend inhaltsreichen

kompositionell + formatmäßig  gleichartigen  Luchs-Hirsch-Gruppe

des Ridinger-Appendix von Johann Elias Ridinger’s Kunstnachlass in Handzeichnungen innerhalb des 1869er „Catalog(s) einer Sammlung von Original-Handzeichnungen … gegründet und hinterlassen von J. A. G. Weigel (1773-1846) in Leipzig“ und dort innerhalb der Hirsch/Reh-Gruppe wie folgt positioniert:

Und ergänzend aus Sammlung Coppenrath II (1889) die dortigen Positionen

Offensichtlich alle mehr oder weniger gleichen großen meist Quer-Formates, ergeben die Datierungen für ihre Entstehung mit 1745-1747 einen thematisch wie zeitlich eng begrenzten Rahmen von allenfalls drei Jahren. Was fragen läßt, was den Meister damals wohl so luchste, ob er ein bestimmtes, doch, wie hier schon an Hand zeichnerischer Lockruf-Arbeiten belegt, unrealisiert gebliebenes eigenständiges Luchs-Hirsch-Projekt verfolgte. Meist signiert, verweisen sie auf Johann Elias selbst. Was Studien des herangewachsenen Ältesten, Martin Elias, an Hand väterlicher Versatzstücke – denn zumindest anstehende Arbeit besteht durchgängig aus solchen – ausschließt. Inwieweit die Mitvierziger-Arbeiten diesbezüglich tatsächlich neue Gruppen und damit einen Steinbruch für zukünftige Arbeiten – wie etwa für die lt. Schwarz mit 1752/53 anzusetzende Zeichnung zur besagten Luchs-Steinbock-Komposition von Th. 363 – darstellen, bedarf weiterer Untersuchung.

Als die Mitvierziger betreffend, kommt die Hand des Vaters für anstehende Arbeit als auf Velin (linienfrei) nicht in Betracht. Um 1750 in England entwickelt, kam dieses herstellungsmäßig erst 1779 auf den Kontinent (Frankreich) und 1783 nach Deutschland. Analog zu den von Johann Elias lt. Eigenbekunden für die kolorierten Werke favorisierten holländischen Papiere ist für die Spätzeit ein Einsatz von Velinpapier außerhalb der bislang erwiesenermaßen graphischen Arbeiten unabhängig von dessen lokaler Herstellung generell umso weniger auszuschließen, als sich schon Johann Elias als Mitzwanziger mit einer Hirschhatz (Schwerdt III, Tafel 214; erlebnis ridinger, S. 5; jeweils farbig) als lt. Wend[1] dem „vermutlich früheste(n) deutsche(n) Schabkunstblatt in Farben“ als einen auch technischen Vorreiter etabliert hatte.

Immerhin tauchte in jüngerer Zeit im deutschen Handel eine mit Ridinger’s Jüngstem, Johann Jacob, in Verbindung gebrachte Waldlandschaft (Feder in Schwarz, mit Pinsel in Schwarz, grau laviert, 268 x 400 mm) mit Velin als Zeichengrund auf, die mit den vier 1773/74er folioformatigen signierten Zeichnungen (Jacob Ridinger del.) der Sammlungen Marschall von Bieberstein (Catalog der Handzeichnungen, Prestel 1879, 110: Waldgegenden mit Hirschen und Wildschweinen, Kreide) bzw. 1885 aufgelöster schlesischer Ridinger-Sammlung (Boerner XXXIX, 2079: Schöne Waldlandschaften mit Hirschen, wilden Sauen etc., Trefflich ausgeführte Bleistiftzeichnungen. Aufgezogen) korrespondiert und Blatt 15, Th. 210, der Brockes-Folge zitiert, zugleich aber durch weglassende Verfremdung der drei Sauen (sic!) Insider-Vertrautheit signalisiert.

Mit den vier Waldlandschaften nur als Literaturbekannten überwog im Falle der hier vorgelegenen unbezeichneten die Gewichtung des Papiers als Negativum. Was auch auf nun anstehende Luchs-Hirsch-Zeichnung zuträfe, wäre da nicht …

Johann Elias Ridinger, Steinbock + Luchs (Th. 363/Detail)Johann Jacob Ridinger, Aufgebäumter Hirsch mit 3 Luchsen (Detail)

Wäre da nicht Th. 1144 mit namentlich dem gewichtigen Specificum des sich bäumenden Kapitalen mit dem einen Luchs am Halse und dem anderen am Bauche, siehe oben. Und stammte die Übertragung nach väterlicher Vorlage ins Kupfer nicht eben von … Johann Jacob!

Womit dessen Beschäftigung mit jener merkwürdigen Mitvierziger-Gruppe auf silbernem Tablett liegt. Fiele die Entstehung des Kupfers in die Zeit nach Ableben des Vaters, bei dem Johann Jacob 31 war, fiele sie in die Zeit generellen Aufarbeitens väterlicher Hinterlassenschaft seitens der Söhne. Wie nicht zuletzt oben beigezogene Luchs-Steinbock-Variante aus der erst 1779 abgeschlossenen Folge der Vorfallenheiten.

Sind diese Überlegungen zur Urheberschaft anstehender Zeichnung zwangsläufig nicht zwingend, so nach derzeitigem Wissensstand gleichwohl plausibel. Und denkbarer, als daß einer der verschiedensten Ridinger-Kopisten der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sich ausgerechnet mittels eines von ihm nach hiesiger Übersicht nicht verwandten Luchs-Hirsch-Themas als Dominante eingeübt haben sollte.

Hermann Menzler, Jagd-Album (Detail)Johann Jacob Ridinger, Springender Spießer (Detail)

Einer analog zu hiesigem Hirsche oben Mitte durch die Luft springenden Gemse begegnen wir immerhin auf dem ebenso schönen wir raren Titelblatt zu Hermann Menzler’s lithographischem Ridinger-Jagd-Album von 1863/65, siehe dessen Abbildung Seite 85 besagten hiesigen 1998er Ridinger-Erlebnis-Katalogs. Doch den Luchs handelte er in Verbindung mit einem Stier nach Th. 303 ab, welcher Geschehensabfolge auch der Luchs-Steinbock-Kampf von Th. 364 folgt, also gänzlich konträr zu seinem Obsiegen gegenüber den hiesigen Hirschen.

Für deren Luchs-Erfahrung aber konnte Johann Jacob auf obige beeindruckende Passage väterlicher Vorlagen zurückgreifen. Mit jeder Arbeit als einer Variante. Und mit anstehender als einer weiteren. Und mit 13 als den meisten Hirschen dazu. Und eben diesem Scenarium widmete er Thienemann 1144 als eines großen, anspruchsvollen Blattes. Nach eben väterlicher Vorlage. Gleichwohl folgt die Wertung dem Blatte als solchem.

Johann Jacob Ridinger, Flüchtende Hirsche im Wasser (Detail)

Johann Elias Ridinger, Edel=Hirsch von 58 Enden (Menzler/Detail)Johann Elias Ridinger, 1678er Hirsch bei Neuburg/Donau (Detail)

Links aus Th. 260 (1741) via Menzler , rechts aus Th. 266 (1742) via hiesiger spiegelbildlicher Druckplatte

Kurz ,

Ein  Ridingerianum  mit  Fragen . Gewiß . Doch  nicht  ohne  Antworten .

Die hiesigerseits auf Johann Jacob verweisen , je öfter das Blatt betrachtet , die Fakten gewichtet werden .

Angebots-Nr. 16.029 / Preis auf Anfrage

  1. Johannes Wend, Ergänzungen zu den Œuvreverzeichnissen der Druckgrafik, Bd. I.1, 1975, Nr. 94.