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Vor 161 Jahren erst- + letztmals beschrieben

Die monumentale Schabfolge Th. 1127-30

als unerhörtem Ereignis sondergleichen

Johann Elias Ridinger (Ulm 1698 – Augsburg 1767). Jagdszenen. Folge von 4 Blatt. Schabkunstblätter von oder bei Johann Andreas Pfeffel I oder II (Bischoffingen/Altbreisach 1674 – Augsburg 1748 bzw. 1715 Augsburg 1768). Bezeichnet: Ioh(ann)(.) Elias(.) Ridinger pinx(it). / I. A. Pfeffel exc(ud[it])(.) Aug. Vind., ansonsten lat.-frz.-dt. wie nachfolgend. 49,9-50,5 × 73,1-73,8 cm (19⅝-19⅞ × 28¾-29 in).

Thienemann 1127-30 („Gute Arbeit“, 1856). – Nicht bei Schwarz (Katalog einer Ridinger-Sammlung [Sammlung Ritter von Gutmann], 2 Bde., 1910; Bd. II mit den „Thienemann und Stillfried unbekannte(n) Kupferstichen und Schabkunstblätter[n]“) und Schwerdt (1928) und

fehlend denn auch in für Ridinger so unverzichtbaren

Sammlungs- und Verkaufskatalogen wie

Weigel, Kunstlager-Catalog I, Abt. I-XXVIII (letztere als zusätzlicher Ridinger-Appendix; 1856/57), Schlesische Ridinger-Sammlung, Boerner XXXIX (1885), Coppenrath (1889 + 1890), C. J. Wawra, Wien, Katalog einer schönen Sammlung von Handzeichnungen (234 in 146 Lots) und Kupferstichen Joh. El. Ridinger’s aus dem Besitze eines bekannten Sammlers (1890; Auktion), Georg Hamminger, Marktleerfeger par excellence, Hugo Helbing Auktion XXXV (1895), Theodor Reich auf Biehla, Boerner LV, (1894; „kann sich keine … der seit langer Zeit zum öffentlichen Verkauf (gelangten Sammlungen), in Bezug auf Vollständigkeit (1266 Blatt von ca. 1600 zuzgl. ca. 470 Doubletten, 20 Zeichnungen) und Qualität … auch nur annähernd mit der vorliegenden … messen“), Hugo Helbing, Arbeiten von J. E. und M. E. Ridinger, Lager-Katalog XXXIV, 1554 Positionen completter Folgen, Einzelblättern und Doubletten (1900), Jacques Rosenthal/Hans Koch, Johann Elias Ridinger. Radierungen – Schabkunst. Jagddarstellungen – Tiere – Landschaften – Darstellungen des täglichen Lebens (1940; Liste 126, 404 Positionen), Slg. Gräflich Faber-Castell (1958; 106 „Zeichnungen – viele Folgen – Kupferstiche und Schabkunstblätter. In seltener Vollständigkeit und Qualität“), Radulf Graf von Castell-Rüdenhausen mit namentlich auch Schabkunst-Spitzen-Trouvaillen (2005).

Wie ebenso in den von fundierten Katalogen begleiteten Retrospektiv-Ausstellungen

der Städtischen Kunstsammlungen Augsburg zum 200. Todestag (1967) , der 18monatigen Wanderausstellung durch Polen am Vorabend des 300. Geburtstages (1997/98), der 2monatigen Sonderausstellung als Halali des 300. Geburtstages (1999) des Museums Jagdschloß Kranichstein und den auf den beiden letzteren fußenden des Emsland-Museums auf Schloß Clemenswerth (2000, 3 Monate) , der Meininger Museen auf Schloß Elisabethenburg (2002, 10 Wochen, womit „ein ziemlich intensives Schlaglicht auf einen Künstler gesetzt [wird], den die Forschung …

in seiner ganzen Größe erst noch wieder entdecken muss “) ,

des Deutschordens-Museums in Bad Mergentheim (2003, 3 Monate).

Ganz einheitlich gleichmäßig tief-samtene Qualitäten

wie rücksichtlich der empfindlichen Schabtechnik besonders hervorhebenswert und dem Sammler generell schon rein technisch vielfach so unerreichbar. Erlauben doch die geschabten Platten – so der Praktiker von Sandrart 1675 – nur etwa „50 oder 60 saubere Abdrucke … Hernach aber schleift (das Bild) sich bald ab, weil es nicht tief ins Kupfer gehet“. So konstatierte Thienemann denn auch bereits vor 160 Jahren generell:

„ Die Schwarzkunstblätter sind im Handel fast gar nicht mehr … zu bekommen …

(S)ämmtliche von und nach Joh. El. Ridinger gefertigte Schwarzkunstblätter (sind) so selten, dass sie fast nur in einigen öffentlichen, grossartigen Kupferstichcabineten zu finden sind “

(Seiten VIII + 270, Sperrung nicht im Original).

Hier denn einer englischen Sammlung entstammend mit deren rückseitigem Bleistiftvermerk „Set (of) 4“ nebst Chiffre auf allen vier Blättern sowie auf dem Schweinsblatt

„ Very Fine / £ 12 17 0 “

Aus gleichem Vorbesitz hier hereingekommen das Schweinsblatt von Ridingers Imperialen (s. u.) mit Provenienz der auf Arenberg (Aremberg) im Kreise Adenau/Ahr zurückgehenden ndrrhein.-westfäl.-belg. Herzöge von Arenberg (Lugt 567), aus deren gigantischer Grafiksammlung 40000 (sic!) Blatt in 669 Losen 1902 in London zur Versteigerung gelangten. Zum weitaus größten Teil von englischem, amerikanischem und deutschem Handel unter sich aufgeteilt, füllte allein der vom Hause Gutekunst in Stuttgart erbeutete Teil im Folgejahr eine eigene Auktion.

Mit umlaufend 7-20 mm breitem weißen Papierrand. In diesem verschiedene, meist professionell alt hinterlegte kleine Einrisse, von denen nur vereinzelte kaum bemerkbar noch ins Bild oder Textfeld reichen. Bildseits gleichfalls nicht wahrnehmbar eine vielleicht schon vom Druck herrührende gewisse rückseitige Knitterspurigkeit sowie ein größerer Wasserfleck im Randbereich des Rehblattes. Solchermaßen aber

von geradezu außerordentlich schöner Erhaltung

wie für diese Übergrößen ganz besonders erwähnenswert.

In den Bildmaßen die von Ridinger selbst radierten imperialen Hirsch-Schweins-Pendants Th. 67/68 in der Breite noch um etwa 2 cm übertreffend und in der Höhe nur 1 cm zurückbleibend, gehören anstehende vier Blätter mit zu den größten im Œuvre. Was im übrigen dahingehend zu ergänzen ist, daß Schwerdt III, 149 einen als praktisch Unikat zu bezeichnenden und seit 1939 hier nicht mehr nachweisbaren Hl. Hubertus nach Johann Caspar Sing (Braunau/Inn 1651 – München 1729) verzeichnet, der mit 85 × 61,8 cm (33½ × 24⅜ in) anstehende Blätter nochmals übertrifft und unbeschadet Ridingers „nur“ Verleger-„excudit“ eigenhändig sein dürfte. Das mit 75,5 × 91,8 cm (29¾ × 36⅛ in) hiesiger Blattgröße tatsächlich monumentalste, indes noch drittseits gestochene Blatt des Œuvre aber ist die frühe Belagerung und Eroberung von Halicarnassos (Th. 917) aus dem Alexander-Zyklus.

Hier denn im einzelnen

Johann Elias Ridinger, Das schüchterne Reh

Es kan das schüchtern Reh dem Todte nicht entfliehen
Wann schon daßelbige schnell auf den Füßen ist;
Wird es doch mehrentheils sich nur umsonst bemühen,
Weil es der Jäger gleich mit seiner Büchse schießt.

Längs einer Waldlichtung flieht ein Paar Rehe, während die beiden Jäger zur Rechten – einer knieend – soeben feuern.

Johann Elias Ridinger, Das wilde Schwein

Es wird dem wilden Schwein mit schießen und mit stechen,
Mit Hunden voller Hitz und Feuer nachgetracht,
Es sucht sein scharffer Zahn sich zwar gar offt zu rächen,
Doch, eh es sichs versieht, wird es in Todt gebracht.

Am Waldrand im Gebirge treiben fünf Hunde, deren einer dem Schwein im Nacken sitzt, den Keiler in vollem Lauf den beiden Jägern zu. Deren vorderer ihn mit der Saufeder erwartend, derweil der andere die Büchse angelegt hat. Ganz rechts hält ein dritter einen gestreiften Saurüden – vergleichbar dem Bärenbeißer Th. 1055 nach Art der Molosser aus dem Kolorierten Thier=Reich – mit Gewalt zurück.

Johann Elias Ridinger, Der wilde Bär

Es wird der wilde Bär verfolget von den Hunden,
Und mancher wird von ihm sehr übel zugericht;
Doch hat er endlich bald selbst seinen Todt gefunden,
So fern ihn der Polack mit seinem Spieß ersticht.

In einer Höhle hat der Bär zwei Hunde gepackt und ist selbst von vier weiteren gefaßt oder gestellt, während einer der Jäger ihm schon den Spieß in die Seite sticht. Ein weiterer Jäger mit Spieß am Eingang der Höhle, ein dritter im Hintergrund das kurze Schwert ziehend.

Johann Elias Ridinger, Die Wachtel

Die Wachtel pfleget zwar die Einsamkeit zu lieben,
Und will mit ihrer Bruth in stiller Weÿde seÿn;
Doch von dem Wachtel=Hund wird sie bald aufgetrieben,
Und gehet in das Netz, eh sie es meint hinnein.

In offener gewellter Landschaft steht der gefleckte Hühnerhund vor der im Gras halb verborgenen Wachtel. Zwei Jagdknechte halten den Tyras zum Wurf bereit, der Jagdherr dahinter mit dem Habicht auf der Faust.

Welchem der beiden Pfeffel Vater und Sohn die Arbeiten zuzuordnen sind, muß offenbleiben. Thieme-Becker erwähnen für den Sohn neben Bildnissen und der Mitarbeit an der vom Vater herausgegebenen Scheuchzer-Bibel Landschaften, was auf eine Arbeit auch anstehender Blätter mit ihrer reichen Landschaftstaffage deuten könnte. Für den Vater werden Ornamente, kunstgewerbliche Vorlagen, Architekturstücke und Wiedergaben von Festlichkeiten genannt.

Hingegen vermerkt Nagler – generell nicht zwischen Arbeiten von Vater und Sohn unterscheidend – ausdrücklich, ersterer habe „mit dem Grabstichel und in schwarzer Manier“ (Sperrung nicht im Original) gearbeitet und wertet die Arbeiten des Sohnes als denen des Vaters nachstehend.

Eine Zuweisung an den Vater als einem kaiserlichen Hof-Kupferstecher wird indes auch von den latinisierten Signaturen „Iohann Elias Ridinger“ und „I. A. Pfeffel“ gestützt wie für Ridinger vor allem für früheste, noch drittseits gestochene sowie frühe eigene Arbeiten wie die zwischen 1724 und 1728 anzusetzenden Viehstücke nach Roos oder die Fürstenjagdlust von 1729 bekannt. Hinzu kommt, daß Ridinger in späteren Jahren kaum bis gar nicht mehr gemalt hat, hiesiges „pinxit“ („hat gemalt“) aber auf gerade solche Vorlagen verweist. So der Meister selbst per Brief vom 29. Juni 1748 an Johann Georg Wille in Paris:

„ Wann meine so überhauffte arbeiten mich nicht gehindert … ob ich nun gleich noch damit beladen bin so das ich an 4 Tableau … vor den Russischen Hofe arbeite … Habe nimmermehr geglaubet das ich den pensel noch einmahl ergreiffen würde da ich aber vor 2 Jahren ein par quader an disen Hofe gesant so bin ich bis dahero darum angegangen worden so das ich mich nicht entziehen kunte es zu acceptiren “

(Decultot, Espagne + Werner [Hrsg.], Joh. Gg. Wille, Briefwechsel, Tübingen 1999, SS. 76 f.).

Die seit alters belegte praktisch unikate Seltenheit

nicht allein der Folge, sondern auch der einzelnen Blätter hier überdies zweifach potenziert von – es sei wiederholt – der

ganz einheitlich gleichmäßig samtenen Druckqualität

wie nur wenigen Exemplaren der Schabkunst vorbehalten

bei überdies nahezu makelloser Erhaltung .

Und das alles bei wundervollem Hell-Dunkel . Und ins Auge stechenden Landschaften

Wie denn schon 1901 Ernst Welisch Ridinger als den unstreitig „ bedeutendste(n) Augsburger Landschafter (seiner) Zeit (qualifizierte) … obzwar er hauptsächlich als Tiermaler bekannt ist “.

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