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Der Ridinger ,der den „Blauen Reiter“ inspirierteRidinger, Johann Elias (Ulm 1698 – Augsburg 1767). Das Trottiren. Weiträumiger Platz vor der Ruine eines einst stattlichen Anwesens mit einer Gruppe von vier Pferden und sechs Bereitern unter Aufsicht des Stallmeisters. Fein eingefaßte grau lavierte Bister-Federzeichnung. (1722.) 214 x 340 mm. Die Ursprungszeichnung vor deren zwecks Plattenübertragung seitenverkehrter Umzeichnung zu Blatt 3 – Th. 608 – der ältesten, vom erst 24jährigen Ridinger noch nicht selbst gestochenen wundervollen Reitschule des Meisters als herrlicher Beleg dessen in frühesten Jahren bereits vollkommenen Stils, wie schon verschiedentlich an Hand anderer Frühwerke konstatiert. So Nebehay 88,2 zur 1721er Zeichnung zu Th. 1: „Daher ist diese Zeichnung für die Kenntnis seines bereits perfekten Stils in jungen Jahren von Bedeutung“. Und generell Thienemann hinsichtlich der nicht vor 1719 anzusetzenden Rückkehr von dem dreijährigen Aufenthalt bei Baron/Graf Metternich in Regensburg: „… dass alle Kenner … seine erlangte Geschicklichkeit und Stärke sowohl in Historien- als Tierstücken bewunderten.“ Wie solches immer nur großer Kunst eigen. Denn
(Gershom Scholem 1958 in seiner Laudatio auf Samuel Josef Agnon, zitiert nach Itta Shedletzky in der FAZ vom 7. März 2007). Gestochen wurde die 23blätterige Folge von Johann Daniel Herz I und Johann Balthasar Probst für Jeremias Wolff, alle in Augsburg, bei dem sie 1722 erschien. Signatur und Datierung der zeichnerischen Ursprungsfolge, von der hiermit 18 Blätter als überliefert bekannt sind, nur auf der hier nicht präsenten Titelzeichnung: JOH: ELIAS: RIDINGER: invenit et delineavit Anno 1722. Art und Form der Bezeichnung weitgehend korrespondierend mit der auf seiner hiesigen Alexander-Zeichnung von 1723.
Hier nun in dominierender Zeichnung vorn rechts das an der Longe geführte trottierende Tier, im Stich unterschrieben mit „In vilem stimmt der Schritt …“. Und zu entsprechendem Sujet der Kleinen Reitschule (Blatt 3):
Während zur Linken ein Reiter sein vom Burschen gehaltenes Pferd erst noch besteigt, trainiert bei gutem Durchblick im Mittelgrund jenseits der Longe der einzige aufsitzende schon das seine. Und eben dessen Detail-Ausschnitt von 1913 (Lankheit 839, 27 x 29,3 cm). Von Marc geschaffen im Jahr des „Turms der Blauen Pferde“ als einer der Ikonen der Moderne, „das reichste (Jahr seines) Schaffen(s)“ (Christian von Holst). Und zusammen mit dem gleichzeitigen Holzschnitt „Löwenjagd nach Delacroix“ steht die Arbeit für jenen Zeitpunkt, von dem „wohl von einem buchstäblichen Einzug des Reiters in das Œuvre von Marc (zu) sprechen (ist) … Die … (von) Marc durch eine abstrahierende Einfühlung in das Pferd und die übrige Tierwelt (immer wieder angestrebte) Animalisierung der Kunst … kippt nun mehrfach um in die Wiederbelebung der Einheit von Ross und Reiter … Er selbst präsentierte sich in einer Postkarte an Else Lasker-Schüler 1912 als ‚Blauer Reiter‘, der neben beziehungsweise hinter seinem Pferd steht und farblich mit ihm zu einer Einheit verschmilzt (aus hiesiger Sicht ein Vorgriff auf die „kraftvoll rhythmisierte Darstellung“ der „Reitszene nach Ridinger“) … Der Hund unten rechts (auf letzterer), der den Betrachter eher an eine Jagdszene erinnern mag, verdankt sich … ebenfalls der ‚Reit-Kunst‘ Ridingers (vgl. entsprechende Hunde auf den Blättern 5, 18 und 22). Er blickt zurück, als wolle er schauen, wo sein Herr, der Reiter, bleibt. Eine spannungsvolle Aufbruchsstimmung prägt das Geschehen, das aus Ridingers Hintergrundfigur des Reiters den eigentlichen Protagonisten macht . Der Reiter und das Pferd bilden in ihrem extremen Bewegungsimpuls eine Einheit. Obgleich Marc mit Ridinger einen Spezialisten des dressierten Pferdes rezipiert , geht es ihm nicht um eine artifizielle Mensch-Tier-Symbiose, die sich besonders in der Schulung des Pferdes in den künstlichen Gangarten artikuliert“ (Andreas Schalhorn). Und „ Aufschlussreich , dass Marc bei seiner sehr vertrauten Kenntnis der Kunstgeschichte sich gerade diesen Meistern der Pferdedarstellung (Delacroix und Ridinger) des 19. beziehungsweise 18. Jahrhunderts als Vorbildern zuwendet “ (von Holst). Womit es bezüglich Ridinger’s aber keineswegs sein Bewenden hat. Denn schon sein zwei Jahre zuvor, 1911, entstandes Öl „Spielende Wiesel“ – Hoberg-Janssen 144 nebst Abbildung – verrät die Kenntnis gleich mehrerer Ridinger-Kupfer aus durchaus verschiedenen Folgen. Marc zeigt zwei Wiesel, von denen das aufgebaumte eine, über einen Ast gebeugt, zu dem in aufgerichteter Pose auf der Erde sitzenden herunterschaut. Dabei das Baumwerk von einer Exzentrik, deren er sich in dieser vordergründigen Dichte im malerischen Œuvre nur noch auf den beiden „Akte(n) unter Bäumen“, H.-J. 143, gleichen Jahres bedient. Für die thematische Initialzündung steht Ridinger’s kleinformatiges Blatt „Die Wiesel“, Th. 479, von 1740 als Blatt 89 der Folge „Entwurf einiger Thiere“. Auch hier deren spielende zwei, doch beide auf der Erde und in einem in keiner Weise heranziehbaren Umfeld. Letzteres splittete Marc auf. Und holte sich die Pose der beiden Tiere aus dem 86. Blatt der Folge, den beiden Baum-Mardern Th. 476 (hier per 7.332 sowie im Pendant mit den beiden Steinmardern Th. 475 per 15.007). Deren junger über einem Ast gleich niedriger Höhe wie bei Marc hängt und auf die auf den Hinterpratzen am Baumstamm stehende Mutter schaut, die mit einem erbeuteten Vogel lockt. Den auch für Ridinger eher selteneren bizarren Baumwuchs – und als solchen bezeichnet ihn auch ausdrücklich Sälzle in seiner 1980er Edition der Vorzeichnungen zur nachstehenden Folge – aber übernahm er von Blatt 19, Th. 181, der gleichzeitigen Suite der „Abbildung der Jagtbaren Thiere mit deren Fährten und Spuren“ bei gleicher Pose des aufgebaumten Marders mit einem indes neutral gezeigten Wiesel auf der Erde. So konzipierte Marc seine „Spielende(n) Wiesel“ also ebenso an Hand dreier Ridinger-Vorlagen, wie letzterer seinerseits seine Watteau’sche „Ergözung der Schäfer“, Th.-Stillfried 1397, aus vier Vorbildern des Franzosen komponierte. Daß Marc schließlich auch der typischere Ridinger’sche Baumschlag nicht fremd war, zeigt die rechte Baumgruppe seines malerischen Waldinneren „Die Würm bei Pipping“ aus 1902/03, H.-J. 15 nebst Abbildung. Dem Öl seiner „Spielende(n) Wiesel“ übrigens war 1909/10 eine gleichnamige Lithographie vorangegangen. Aber auch die Par force Szenerie auf dem Aquarell „Schloss Ried“ von 1914 – Holst, Abb. 11, S. 29 – steht für ein weiteres Beispiel der Beschäftigung Marc’s mit Ridinger, die in dieser Pluralität bislang übersehen worden ist. Die Zitate aus Christian von Holst (Hrsg.), Franz Marc – Pferde. Katalog der 2000er Ausstellung der Staatsgalerie Stuttgart – Sonderausgabe 2003 – , SS. 122, 250 f. + 165 f. nebst Abbildungen 151 f., 208 + 9. – Siehe u. a. auch Franz (Hrsg.), Franz Marc – Kräfte der Natur, Werke 1912-1915. Katalog der Ausstellung in München + Münster, 1993, Nrn. 138 f. nebst Abbildungen Seiten 300 f.. Die bei Ridinger an südliche Vorbilder erinnernde Ruine im übrigen sicher auch eine Reverenz gegenüber Italien, wohin es den in seiner Ulmer Lehre so unglücklichen einst hoffnungslos gezogen hatte. Obgleich Ridinger 5 Reitschulen mit zusammen 111 Kupfern schuf, muß praktisch bis auf den 1869er Weigel’schen Nachlaßbestand – Catalog einer Sammlung von Original-Handzeichnungen nebst Sonderabteilung Johann Elias Ridinger’s Kunstnachlass in Handzeichnungen – zurückgegriffen werden, um dem zugehörigen zeichnerischen Œuvre in bildmäßig ausgeführten Beispielen zu begegnen. Wenngleich auch hier schon mit nur magerem Ergebnis. Nämlich lediglich 12 Arbeiten, deren Teildatierungen zwischen 1744 und 1760 liegen (Nrn. 816-827). Das 19blätterige Konvolut der Position 828 dürfte ebenso auf Studien beschränkt gewesen sein wie hinsichtlich Reitschulen die Nr. 318 mit ihren 305 Blatt „Studien, Contoure(n) und ausgeführte Zeichnungen von Pferden und ihren Racen, Reitschule, in schwarzer Kreide, Rothstein, Feder und Tusche, aus den Jahren 1717 bis 1760“. Anderenfalls wären die fraglichen Arbeiten sicherlich der Eigenabteilung „Reitschule“ der Positionen 816 ff. zugeordnet worden. Schon in dem in 146 Lots vereinigten 234blätterigen Zeichnungsbestand der am 19. 5. ff. 1890 bei Wawra in Wien versteigerten „Schönen Sammlung von Handzeichnungen und Kupferstichen Joh. El. Ridinger’s aus dem Besitz eines bekannten Sammlers“ findet sich kein einziges bildmäßiges Schulblatt mehr. Den hiesigen, gewiß nicht vollständigen, Marktunterlagen folgend, sind es seit Weigel allein besagte beiwerkfreie Vorzeichnungen und Studien zu den eigentlichen Übungen, die – und zwar auch nur hin und wieder – vereinzelt oder zu mehreren am Markt sind. Als umfassendere Sammlung wohl zuletzt der 1987 hierselbst in badische Sammlung verhandelte Corpus von Kreidezeichnungen, von denen 26 auf die Kleine Reitschule von 1760/61 entfielen. Dies alles unterbrochen von vorab zwei Ereignissen, gefolgt vom hiesigen : So zeigte sich zunächst 1986 beim Bonner Presseball „Johannes Fürst von Thurn und Taxis … gewohnt spendabel. Der Tombola steuerte er fünf Vorzeichnungen des Ulmer Meisterkupferstechers Ridinger ‚Neue Reit Schul‘ … bei. Der Gewinn war der einzige, der im Ball-Almanach nicht preislich ausgezeichnet war. Kenner vermuteten denn auch, die Ridingers seien wertvoller als der als Hauptgewinn ausgewiesene Mercedes “ (Bonner General-Anzeiger vom 26. 5. 1986). Fünf Jahre später dann debütierte ein Satz von 16 vollkommen durchgeführten Ursprungszeichnungen, also im Stichsinn, zur 23blätt. Neue Reit-Kunst von 1722 mit einem Ansatz von 360.000 Mark auf der Versteigerungsbühne. Sämtlichs zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf Untersatzbögen aufgelegt und auf diesen schwarz umrandet, beidseits zusätzlich sehr reizvoll verziert mit sich nach oben und unten zu verjüngender Hufeisenleiste bei gleichzeitiger Montage des Ganzen auf eine ca. 8 mm starke Holzleiste, gerahmt schließlich von schwarzer Holzleiste mit bronzefarbener Rollwerk-Innenleiste. Dieser Bestand zählte bis in neuere Zeit hinein mindestens 18 Arbeiten, wurde infolge Abtrennung indes durch anstehende und eine weitere, hier gleichfalls verfügbare, Zeichnung decimiert. Diese beiden hiesigen (siehe auch Angebots-Nr. 28.072) bieten sich in allem so dar, wie zu obigen 16 geschildert. Aus Gründen zeitloserer Präsentation hier ihrer schwarzen Rahmen entkleidet. Entsprechend denn auch die Abdeckung der Ridinger nicht zugehörenden zusätzlichen Paspelierung des Montagepapiers mittels säurefreien Passepartouts mit den 23karätig goldgeprägten Künstler-Daten, wozu die Bilder in eine entsprechende Rückpappe eingelassen wurde. Solchermaßen denn also sind Bildmäßige Reitschulzeichnungen allergrößte Ridinger-Rarissima . Der Erhaltungszustand anstehende nahezu bestens. Die zarte Einfassung nicht mehr durchgehend deckend, hier und da auch etwas angeschnitten. Die ziemlich einheitliche leichte Bräunung keineswegs störend. Daß die Plastizität offenbar durch Lichteinfall gleichmäßig leicht gemindert wurde, fällt erst im Vergleich zur Parallelzeichnung auf. Generell begeisternd die die Jugendlichkeit des Meisters widerspiegelnde Frische der Zeichnung selbst. Die Jungfräulichkeit der hier offerierten beiden wie auch gedachten vorangegangenen Bestandes dürfte weit über Weigel hinausgehen. So wie sich schon von anderen von Ridinger noch nicht selbst gestochenen Arbeiten der frühen 20er Jahre, z. B. zum Alexander- und Pharaokomplex, keine Zeichnungen bei Weigel, der ja 1830 den Nachlaß übernommen hatte, oder anderswo hier nachweisen lassen, so scheinen auch die zur 22er Reitschule auf deren Verleger übergegangen und damit eigenständige und offensichtlich auch marktferne Wege gegangen zu sein. Zu diesem Reiz eines ganz besonderen Verwahrtgebliebenseins tritt, da dennoch bereits vollendet, die Köstlichkeit größter Frühe und das generelle Eingebettetsein in kulturhistorische Abläufe :
(Herbert Schindler in der Einleitung zur 1975er Faksimileausgabe der Kleinen Reitschule). Ist aber einmal von Eleganz die Rede, sei auch Karl Sälzle’s gedacht, der 1980 der Faksimileausgabe des Zeichnungs-Corpus zu den Jagdbaren Thieren voranstellte: „ Wer aber Ridingers ganze Könnerschaft kennenlernen will, muß zu seinen Handzeichnungen greifen , … denn erst sie offenbaren sein ganzes Genie .“ Dazu hier nun also die Gelegenheit. In vollendeter Qualität, an Hand von Unikaten allerseltenster Art . Zur Reitschule von 1722. Aus freiherrlichem , zuletzt gräflichem Vorbesitz . Angebots-Nr. 28.071 / Preis auf Anfrage
(Mr. D. K., June 3, 2006) |