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lüder h. niemeyer

- seit 1959 -

 

Bildmäßige  Reitschulzeichnungen = allergrößte  Ridinger-Rarissima

heute  nun  hier

aus  freiherrlichem , zuletzt  gräflichem  Vorbesitz

1722er  Ursprungszeichnung  zur  frühesten ,

ganz  seltenen  Reitschule

Ridinger, Johann Elias (Ulm 1698 – Augsburg 1767). Redop an der Wand rechts. Weiträumiger Platz mit einer Gruppe von vier Reitern, deren einer vorn rechts unter Mitwirkung je eines Lehrers und Stallknechtes redoppiert. In der Mitte bringt ein anderer Lehrer einen jungen Burschen am Schlafittchen vor den aus Ruinenportal tretenden Stallmeister. Neben einem vorn den Redopp aufmerksam verfolgenden liegendem Saurüden ein weiterer stehend, wie nicht zufällig, siehe unten. Grau lavierte Bister-Federzeichnung mit leichter Bleistift-Skizzierung oben links. (1722.) 210 x 336 mm.

Die Ursprungszeichnung vor deren zwecks Plattenübertragung seitenverkehrter Umzeichnung zu Blatt 15 – Th. 620 – der ältesten, vom erst 24jährigen Ridinger noch nicht selbst gestochenen wundervollen Reitschule des Meisters als herrlicher Beleg dessen in frühesten Jahren bereits vollkommenen Stils, wie schon verschiedentlich an Hand anderer Frühwerke konstatiert. So Nebehay 88,2 zur 1721er Zeichnung zu Th. 1: „Daher ist diese Zeichnung für die Kenntnis seines bereits perfekten Stils in jungen Jahren von Bedeutung“. Und generell Thienemann hinsichtlich der nicht vor 1719 anzusetzenden Rückkehr von dem dreijährigen Aufenthalt bei Baron/Graf Metternich in Regensburg: „… dass alle Kenner … seine erlangte Geschicklichkeit und Stärke sowohl in Historien- als Tierstücken bewunderten.“ Wie solches immer nur großer Kunst eigen. Denn

„ In der Kunst ist großes Format von Anfang an in seiner Vollkommenheit da .

Auch  die  ersten  Werke  eines  Künstlers  haben  dieses  Format

schon in sich , in ihrer Eigenart , in ihrer vollkommenen Gestalt . Da ist nichts von jener Entwicklung des Künstlers , von der so viel geredet wird .

Es  gibt  keine  Entwicklung  des  großen  Formats  in  der  Kunst “

(Gershom Scholem 1958 in seiner Laudatio auf Samuel Josef Agnon, zitiert nach Itta Shedletzky in der FAZ vom 7. März 2007).

Gestochen wurde die 23blätterige Folge von Johann Daniel Herz I und Johann Balthasar Probst für Jeremias Wolff, alle in Augsburg, bei dem sie 1722 erschien. Signatur und Datierung der zeichnerischen Ursprungsfolge, von der hiermit 18 Blätter als überliefert bekannt sind, nur auf der hier nicht präsenten Titelzeichnung: JOH: ELIAS: RIDINGER: invenit et delineavit Anno 1722. Art und Form der Bezeichnung weitgehend korrespondierend mit der auf seiner hiesigen Alexander-Zeichnung von 1723.

Johann Elias Ridinger, Redop an der Wand rechts

Hier nun die Lection des Redopp, im Stich unterschrieben mit „Im Sattel soll man sich hier fest und aufrecht zeigen …“. Und zu entsprechendem Sujet der Kleinen Reitschule (Blatt 29) :

„ Der Redop an der Wand ist eine Action in welcher das Vordertheil des Pferdes der Croupe etwas vorgehet, in welcher sich auch das Pferd in der Geschwindigkeit von einer Seiten zur anderen, rechts und lincks, traversiren kann. “

Die an südliche Vorbilder erinnernde Ruine im übrigen sicher auch eine Reverenz gegenüber Italien, wohin es den in seiner Ulmer Lehre so unglücklichen Ridinger einst hoffnungslos gezogen hatte.

Absichtsvoll auf jeden Fall die Saurüden, begegnen wir solchen offensichtlich als Markenzeichen gedachten doch auch auf den gleichfrühen Blättern seines Alexander-Zyklusses. So hetzt ein solcher im Schlachtgetümmel der „Belagerung von Halicarnassos“ (Th. 917, hier aufliegend per 14.869) ebenso mit wie einer bei der „Überquerung des Tigris“ (Th. 918; 14.854) mitschwimmt. Und „Ridinger-Hunde“ sind denn auch auf der unveröffentlicht gebliebenen 1723er Zeichnung „Alexander der Große im Herbst 326 v. Chr. am Hyphasis im indischen Pandschab“ (14.680) mit von der Partie. Placiert übrigens immer nächst der Signatur.

Obgleich Ridinger 5 Reitschulen mit zusammen 111 Kupfern schuf, muß praktisch bis auf den 1869er Weigel’schen Nachlaßbestand – Catalog einer Sammlung von Original-Handzeichnungen nebst Sonderabteilung Johann Elias Ridinger’s Kunstnachlass in Handzeichnungen – zurückgegriffen werden, um dem zugehörigen zeichnerischen Œuvre in bildmäßig ausgeführten Beispielen zu begegnen. Wenngleich auch hier schon mit nur magerem Ergebnis. Nämlich lediglich 12 Arbeiten, deren Teildatierungen zwischen 1744 und 1760 liegen (Nrn. 816-827).

Das 19blätterige Konvolut der Position 828 dürfte ebenso auf Studien beschränkt gewesen sein wie hinsichtlich Reitschulen die Nr. 318 mit ihren 305 Blatt „Studien, Contoure(n) und ausgeführte Zeichnungen von Pferden und ihren Racen, Reitschule, in schwarzer Kreide, Rothstein, Feder und Tusche, aus den Jahren 1717 bis 1760“. Anderenfalls wären die fraglichen Arbeiten sicherlich der Eigenabteilung „Reitschule“ der Positionen 816 ff. zugeordnet worden.

Schon in dem in 146 Lots vereinigten 234blätterigen Zeichnungsbestand der am 19. 5. ff. 1890 bei Wawra in Wien versteigerten „Schönen Sammlung von Handzeichnungen und Kupferstichen Joh. El. Ridinger’s aus dem Besitz eines bekannten Sammlers“ findet sich kein einziges bildmäßiges Schulblatt mehr.

Den hiesigen, gewiß nicht vollständigen, Marktunterlagen folgend, sind es seit Weigel allein besagte beiwerkfreie Vorzeichnungen und Studien zu den eigentlichen Übungen, die – und zwar auch nur hin und wieder – vereinzelt oder zu mehreren am Markt sind. Als umfassendere Sammlung wohl zuletzt der 1987 hierselbst in badische Sammlung verhandelte Corpus von Kreidezeichnungen, von denen 26 auf die Kleine Reitschule von 1760/61 entfielen.

Dies alles unterbrochen von vorab zwei Ereignissen, gefolgt vom hiesigen :

So zeigte sich zunächst 1986 beim Bonner Presseball „Johannes Fürst von Thurn und Taxis … gewohnt spendabel. Der Tombola steuerte er fünf Vorzeichnungen des Ulmer Meisterkupferstechers Ridinger ‚Neue Reit Schul‘ … bei. Der Gewinn war der einzige, der im Ball-Almanach nicht preislich ausgezeichnet war. Kenner vermuteten denn auch,

die  Ridingers  seien  wertvoller

als  der  als  Hauptgewinn  ausgewiesene  Mercedes “

(Bonner General-Anzeiger vom 26. 5. 1986).

Fünf Jahre später dann debütierte ein Satz von 16 vollkommen durchgeführten Ursprungszeichnungen, also im Stichsinn, zur 23blätt. Neue Reit-Kunst von 1722 mit einem Ansatz von 360.000 Mark auf der Versteigerungsbühne.

Sämtlichs zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf Untersatzbögen aufgelegt und auf diesen schwarz umrandet, beidseits zusätzlich sehr reizvoll verziert mit sich nach oben und unten zu verjüngender Hufeisenleiste bei gleichzeitiger Montage des Ganzen auf eine ca. 8 mm starke Holzleiste, gerahmt schließlich von schwarzer Holzleiste mit bronzefarbener Rollwerk-Innenleiste.

Dieser Bestand zählte bis in neuere Zeit hinein mindestens 18 Arbeiten, wurde infolge Abtrennung indes durch anstehende und eine weitere, hier gleichfalls verfügbare, Zeichnung decimiert. Diese beiden hiesigen (siehe auch Angebots-Nr. 28.071) bieten sich in allem so dar, wie zu obigen 16 geschildert. Aus Gründen zeitloserer Präsentation hier ihrer schwarzen Rahmen entkleidet. Entsprechend denn auch die Abdeckung der Ridinger nicht zugehörenden zusätzlichen Paspelierung des Montagepapiers mittels säurefreien, rahmungsfertigen Passepartouts mit den 23karätig goldgeprägten Künstler-Daten, wozu die Bilder in eine entsprechende Rückpappe eingelassen wurde.

Der Zustand der anstehenden zunächst bestimmt von einer auf den ersten Blick etwas störenden, von schwachem Wasserrand begleiteten größeren Wischspur links von der Ruine, die indes trotz heineinspielender grüner Färbung vom Künstler selbs herrühren dürfte, da darunter eine Pferdeskizzierung hervortritt. Somit aber dann einen Blick über die Schulter des Meisters und den begehrten Einblick in den künstlerischen Schaffensprozeß gewährend. Im oberen Feld dieser Wischung kleine, möglicherweise von Wurmfraß herrührende Ausbrüche. Zudem eine von kleiner Wurmspur begleitete, kaum auffallende Verfärbung im Rand rechts. Ein kleiner Braunfleck in der Mitte unten und kleine Stockstippen in der Himmelspartie oben rechts ohne Belang. Die Zeichnung selbst von herrlicher Plastizität und einer die Jugendlichkeit des Meisters begeisternd widerspiegelnden Frische.

Die Jungfräulichkeit der hier offerierten beiden wie auch gedachten vorangegangenen Bestandes dürfte weit über Weigel hinausgehen. So wie sich schon von anderen von Ridinger noch nicht selbst gestochenen Arbeiten der frühen 20er Jahre, z. B. zum Alexander- und Pharaokomplex, keine Zeichnungen bei Weigel, der ja 1830 den Nachlaß übernommen hatte, oder anderswo hier nachweisen lassen, so scheinen auch die zur 22er Reitschule auf deren Verleger übergegangen und damit eigenständige und offensichtlich auch marktferne Wege gegangen zu sein. Zu diesem

Reiz  eines  ganz  besonderen  Verwahrtgebliebenseins

tritt, da dennoch bereits vollendet, die Köstlichkeit größter Frühe und das generelle Eingebettetsein in kulturhistorische Abläufe :

„ Die Kunstgeschichte sieht in Ridinger nicht nur den Vollender des Jagdstichs im 18. Jahrhundert, sondern auch den meisterhaften Interpreten der Reiterdarstellung und des Pferdes …

„ Es sei … daran erinnert, daß das rein künstlerische Interesse am Pferd einen wesentlichen Teil der abendländischen Kunstgeschichte seit der Antike, seit der Entstehung des Parthenonfrieses, ausmacht … Erst in den Zeiten der Renaissance erblühte (die equestrische Kunst) in Italien zu neuer Lebendigkeit. Zuerst in den Fresken eines Benozzo Gozzoli und Vittorio Carpaccio, in den Zeichnungen eines Pisanello und Leonardo da Vinci … Den Niederländern blieb es vorbehalten, in der Darstellung des Pferdes … einen meisterlichen Realismus zu entwickeln …

„ Damit sind wir schon bei den Voraussetzungen der Kunst Ridingers angelangt. Es ist wahrscheinlich, daß er in Augsburg solche niederländische Pferdedarstellungen kennengelernt hat. Sie lagen in Nachstichen vor und wurden auch gelegentlich kopiert. Aus solchen Vorbildern, die ihm sein Lehrer Rugendas vermittelt haben könnte, und aus dem genauen Studium der Tiere selbst entwickelte er die ihm eigene Meisterschaft in der Darstellung des Pferdes. Man spürt die Freude am lebendig erschauten Geschöpf, an der harmonischen Übereinstimmung von Anatomie und Bewegungsart, am inneren Gleichmaß von Tier und Reiter, nicht zuletzt auch an der für alle Ridingerstiche bezeichnenden Eleganz der Haltung “

(Herbert Schindler in der Einleitung zur 1975er Faksimileausgabe der Kleinen Reitschule).

Ist aber einmal von Eleganz die Rede, sei auch Karl Sälzle’s gedacht, der 1980 der Faksimileausgabe des Zeichnungs-Corpus zu den Jagdbaren Thieren voranstellte:

„ Wer  aber  Ridingers  ganze  Könnerschaft  kennenlernen  will,

muß  zu  seinen  Handzeichnungen  greifen ,

…  denn  erst  sie  offenbaren  sein  ganzes  Genie “

(Sperrung und Fettsatz nicht im Original).

Dazu  hier  nun  also  die  Gelegenheit .

In  vollendeter  Qualität , an  Hand  von  Unikaten  allerseltenster  Art .

Zur  Reitschule  von  1722 .

Angebots-Nr. 28.072  /  Preis auf Anfrage

 


 

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